Das Klima in den Börsensälen ist besser geworden. Es begann mit einigen Kaufaufträgen aus England und Frankreich. Die Engländer mißtrauen der Wirtschaftspolitik der Labour-Regierung; die Franzosen sind wegen des ungewissen Ausgangs der Präsidentschaftswahlen verunsichert. Neuerdings kommen auch Kaufaufträge aus der Schweiz, von denen allerdings niemand weiß, ob es nicht deutsche Kunden schweizerischer Banken sind, die sich plötzlich wieder für deutsche Aktien erwärmen können. Tatache ist, daß auch der spekulative Teil der deutschen Bankenkundschaft an der Börse etwas "riskiert". Wohlverstanden, meine verehrten Leser, ihr geht es noch nicht um eine sogenannte Daueranlage; vielmehr hoffen die Käufer von heute auf rasche Kursgewinne. Es finden Leute an die Bankschalter zurück, die sich lange Zeit dort nicht hatten sehen lassen. Vielfach wurden ihre Finanzen voll durch irgendwelche Abschreibungsabenteuer in Anspruch genommen.

Warum kaufen die Ausländer deutsche Aktien? Zum größten Teil sehen sie die deutsche Wirtschaft angesichts der hohen Exportüberschüsse als urgesund an; zum anderen sehen sie im Augenblick keine andere Alternative in der Welt. Die deutsche Bankenkundschaft fühlt sich durch die in der Großchemie bevorstehenden und im Stahl-Bereich, bereits teilweise verwirklichten Dividendenerhöhungen angesprochen. Dabei wird vorausgesetzt, daß es auch anderen Branchen und Unternehmen möglich sein wird, den größten Teil der Kostensteigerungen auf die Preise abzuwälzen. Die Gewinnvorausschätzungen für 1974 sind jedenfalls bsesser als am Jahresbeginn.

Natürlich steckt in den Aktienkäufen auch politische Spekulation. Die bei den letzten Wahlen eingetretenen Stimmenverluste der SPD haben die Hoffnungen wachsen lassen, daß Mitbestimmung und Vermögensbildung in der von der Bundesregierung beabsichtigten Form nicht durchgesetzt werden können. Die Landtagswahlen in Niedersachsen werden für die Börse zu einem wichtigen Datum werden.

Gestört wird der Optimismus durch die Ungewißheit über die künftige Zinsentwicklung. Die Rentenexperten halten es nicht für ausgeschlossen, daß der Zins am Jahresende höher sein wird als heute, da die Bundesbank keinen Zweifel daran gelassen hat, auch dann hart zu bremsen, wenn sie von der amtlichen Konjunkturpolitik wieder im Stich gelassen wird.

Wer in diesem Jahr Mut hatte, konnte an deutschen Aktien viel Geld verdienen. Im Chemie-Bereich war die BASF-Aktie der beste Renner. Vom Tiefstkurs bis heute stieg sie um rund 28 Prozent. Von den drei Unternehmen der Großchemie gilt das Ludwigshafener Unternehmen als besonders dynamisch. Mehr als 10 Prozent ihres Umsatzes werden bereits in den USA produziert. Bayer-Aktien sind vom Tiefstpunkt nur um 16 und Hoechst-Aktien nur um 12 Prozent gestiegen.

Im Elektrobereich sind Siemens-Aktien immer noch favorisiert. Wer im Ausland sich für deutsche Aktien interessiert, tut dies zuerst, für Siemens. Die deutsche Kundschaft hat sich in den letzten Tagen wiederholt auch den AEG-Aktien zugewandt. Es wurde auf eine Dividendenerhöhung spekuliert, doch zu unrecht. Die AEG bleibt bei fünf Mark. Mehr wäre auch kaum zu verantworten gewesen. So gut geht es dem Unternehmen noch längst nicht wieder. Ob die Wandelanleihe ein Erfolg werden wird, hängt von den Konditionen ab. Erst wenn sie. vorliegen, meine verehrten Leser, können wir uns darüber unterhalten, ob ihr Erwerb sinnvoll ist.

Über Stahl-Aktien haben wir uns im "Bankgespräch" der vergangenen Ausgabe unterhalten. Inzwischen hat die Thyssen-Hauptversammlung bestätigt, daß Thyssen weiter glänzend verdient. Dabei ist zu berücksichtigen, daß in diesem Jahr keine Verluste mehr aus dem Edelstahl-Bereich zu verkraften sein werden.