Arm, aber sauber – Seite 1

Nett haben Sie’s hier", sagte der fremde Besucher, als er die drei Zimmer meiner 82-Quadratmeter-Wohnung durchstreifte. Vorgestellt hatte er sich als Herr Döse vom Protokoll des AA. Ich sah ihn fragend an. "Achso, natürlich, Sie wissen ja gar nicht. Also: Unser oberster Boß möchte seine bisherigen Kollegen vom EG-Ministerrat zu einem gemütlichen Familien wochenende einladen..."

"Aha, und dazu soll ich..."

"... eventuell die Räumlichkeiten stellen."

"Gibt’s da nichts Geeigneteres? Eine Burg, ein Wasserschloß..."

"Davon wollen wir gerade weg. Unsere ausländischen Gäste bekommen immer ein falsches Bild von unserem vermeintlichen Wohlstand – und wir dann prompt ihre Quittung in Gestalt von Milliardenforderungen. Darum wollen wir ihnen jetzt mal vorführen, wie ein normaler, hart arbeitender Deutscher so lebt."

"Und wie sind Sie da gerade auf mich gekommen?"

"Bei Satiriker würde ihnen dazu vielleicht noch eine heitere, entspannte Atmosphäre geboten."

Arm, aber sauber – Seite 2

"Eine Frage übrigens: Was gibt’s so bei Ihnen gewöhnlich zu essen?"

"Morgens: Sauerkraut mit Kümmel. Mittags Rohkost. Wenn ich dabei an das Gesicht Joberts denke..."

"Das müssen wir vergessen. Essen Sie manchmal auch warm?"

"Abends. Gehacktes. Wahlweise auch mal Rindsleber."

"Uni wer kocht bei Ihnen?"

"Ich selber. Nach diesem Kochbuch für Anfänger hier. Ich könnte mich extra für meine Gäste an einem Kalbsgulasch versuchen."

"Keine Experimente bitte – eine Putzfrau haben Sie anscheinend nicht", sagte er und sah sich dabei um.

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"Doch. Aber sie kommt höchstens einmal wöchentlich."

"Es wäre natürlich nicht günstig, wenn unsere Gäste entdecken, daß sich bei uns ein Satiriker eine ständige Putzfrau leisten kann. Das käme uns beim EG-Regionalfonds teuer zu stehen. – Und wo können die Außenminister arbeiten und essen?"

"Hier im Wohnzimmer. Ein bißchen eng, aber wenn sich Moro dem Callaghan auf den Schoß setzt..."

"Und schlafen?"

"Im Arbeitszimmer. Da müßten nur Feldbetten hin. Wie viele kommen denn überhaupt – alle neun?"

"Das hängt vom Stand der jeweiligen Regierungskrise ab. Fitzgerald kommt nur kurz vorbei. Van Elslande vermutlich gar nicht."

"Dann müßte es gehen. Sonst hätte Guldberg in der Badewanne kampieren müssen", sagte ich.

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"Sollte einer von ihnen schnarchen, müßte man das sowieso in Erwägung wo können, die Herren spazierengehen?"

"Auf meinem Balkon, aber jeweils nur zwei, drei von ihnen."

Mein Besucher schickte sich zum Gehen an: "Sie werden von uns hören", versprach er mir und riß beim Hinausgehen noch die Telephonschnur aus der Wand, da die hohen Gäste, wie er mir zu verstehen gab, ungestört bleiben sollten.

Ich hörte nie mehr, was von ihm. Aber soeben las ich, das Treffen habe schließlich doch auf Schloß Gymnich stattgefunden – bei erlesenen Speisen und Getränken. Nun ja, bei mir wäre die Regierung billiger weggekommen.