Von Hansjakob Stehle

Ein kühler, trotziger Fels, fast siebenhundert Meter hoch aus der heißen Ebene ragend, wirklich wie von Titanen hingeworfen: der Monte Titano. Kaum zwanzig Kilometer von der Adriaküste bei Rimini entfernt, trägt dieser Fels die Hauptstadt der kleinsten und ältesten Republik der Welt, schützt er ihr nur 61 Quadratkilometer großes, von wenigen Dörfern besiedeltes Territorium: San Marino. Es muß einmal eine Insel von Glückseligkeit gewesen sein – vielleicht nicht so sehr für die armen sanmarinesischen Bauern, von denen auch heute noch viele emigrieren müssen, aber für die wenigen Fremden, denen schon vor der Erfindung des Automobils und der Busse eine italienische Reise möglich war. Damals, als noch überall galt, was der Italien-Baedeker von 1903 verrät: "Herren, die sich in Landesart und -sitte zu finden wissen, reisen billiger, in Begleitung von Damen zahlt man durchgängig mehr..." Inzwischen macht’s das Reisebüro jedermann möglich, recht und – wenn nicht billig, so doch "preiswert". Also nimmt man sich einen adriatischen Urlaubstag, an dem man vom Haut-an-Haut-Liegen, -Rösten und -Riechen genug hat, und macht den angepriesenen Ausflug: Busfahrt, Postkartenbilder, Lunchpaket aufessen, Postkarten schreiben, Busfahrt zurück...

Zugegeben, mehr als einen Tag muß man in San Marino nicht gewesen sein; auch weil Liebhaber von wirklichen Antiquitäten, musealen und käuflichen, nicht ganz auf ihre Kosten kommen. So manches andere italienische Städtchen in Umbrien oder in der Toskana, das längst seine politische Unabhängigkeit verloren hat, bietet mehr. Böse Zungen meinen sogar, die Sanmarinesen seien eben deshalb von allen historischen Zeitläufen, den bösen wie den besseren, verschont und eine Minirepublik geblieben, weil sie wenig zu bieten hatten... Dennoch lohnt sich ein Besuch auf der viertausend Bewohner zählenden Bergfeste, ein Blick von den Zinnen ihrer drei bilderbuchhübschen Kastelle, ein Gang durch die engen, meist steilen, an den Fels geschmiegten Gassen und sogar ein Besuch im Regierungspalast, der – wie so manches andere – erst Ende des letzten Jahrhunderts im Stil des vierzehnten errichtet wurde.

Der Tag in San Marino sollte, so möchte ich raten, etwas anders geplant werden, als ihn die schnellen Ausflugsunternehmer anbieten. Vielleicht sollte man sich sogar etwas vornehmen, was laut Statistik im Jahre 1970 nur 575 Deutsche, aber immerhin fünftausend Amerikaner taten: in San Marino übernachten. Möglichst sollte man erst am Spätnachmittag von Rimini aufbrechen, am bequemsten – in einer halben Stunde – mit der Bahn (denn Parkplätze sind im Sommer kaum zu finden – der größte vor dem abseits gelegenen Palazzo Congressi faßt nur 30 Wagen). Zwar ist der Kern der alten Stadt, innerhalb der drei stattlichen Wehrmauern, verkehrsfrei gehalten, doch erst gegen Abend, wenn der Strom der Kurzbesucher versiegt und die unzähligen Andenkenläden ihre Auslagen, mit denen sie buchstäblich jedes Stück Mauer gepflastert haben, abzubauen beginnen, kehrt San Marino ein wenig zu sich selbst zurück. Dann steigt man hinauf zur Rocca Guaita, der nächstgelegenen der drei Befestigungen ("Penne" genannt), und genießt im Dämmerlicht einen Ausblick auf den Apennin.

Gleich unterhalb der Rocca liegt das kleine Hotel Tre Penne, eine einfache, saubere Bleibe zum Übernachten (wenn man nicht das auf elegant getrimmte, doch nicht übermäßig teure Hotel Titano mit seiner Aussichtsterrasse bevorzugt). Zum Abendessen aber würde ich kein Hotelrestaurant wählen, sondern Ausschau halten nach irgendeiner der 34 kleinen, oft namenlosen Trattorien, wo die Einheimischen auf wackligen Tischchen ihren Sangiovese-Wein trinken und die "Lasagne al Forno" (einen Nudel-Fleisch-Käse-Tomaten-Auflauf) direkt aus dem Ofen holen, dann zum Nachtisch noch ein Gläschen süßen Sanmarineser "Moscato".

Den Sonnenaufgang über der Adria erleben Frühaufsteher kaum irgendwo so eindrucksvoll wie von der Höhe des Torre Cesta, des mittleren Festungsturms von San Marino, den man über die steinige, steile "Salita della Fratta" ohne Mühe erreicht und gar nicht etwa besteigen muß, um das Panorama zu sehen. Wer sich für mittelalterliche Kanonen, Rüstung, Armbrüste interessiert, findet hier in der Cesta das Waffenmuseum von San Marino, wer Schöneres bevorzugt, dem sei ein Besuch in der kleinen Pinakothek des Franziskanerklosters empfohlen.

Ein Stück von San Marinos Geschichte, das nicht nur als Touristenattraktion in die Gegenwart gerettet wurde, sondern politisch aktuell blieb, wird zweimal im Jahr auf der Piazza della Libertà und im Regierungspalast in Szene gesetzt: die Inthronisierung der "Regierenden Kapitäne" der Republik. Seit achthundert Jahren wechselt nämlich am 1. Oktober und am 1. April jedes Jahres dieses höchste Staatsamt, das – um ja keine Diktatur aufkommen zu lassen – von einem Duumvirat (gegenwärtig einem Christdemokraten und einem Sozialisten) ausgeübt wird. Wer seinen Besuch in San Marino auf eines dieser beiden Daten legt, sieht dann die Nobelgarde und die Miliz des Staates aufmarschieren in blauen Uniformen mit gelben Epauletten und leuchtendweißen Helmbüschen. Das diplomatische Korps – bestehend aus dem italienischen Gesandten und dem Konsul von Monaco – fährt auf (in allen anderen 35 Staaten, mit denen San Marino diplomatische Beziehungen pflegt –, neuerdings sogar mit China –, läßt es sich durch Italien, seine Schutzmacht, vertreten). Die beiden bisherigen Kapitäne, ausgestattet mit den Insignien eines "Großmeisters des sanmarinesischen Ritterordens", verlassen den Regierungspalast, die neuen werden vom sechzigköpfigen "Großen Generalrat" gewählt, in dem gegenwärtig 27 Christdemokraten, 14 Kommunisten, 11 Sozialdemokraten, sieben Sozialisten und ein Unabhängiger sitzen.