Von Odile N’Gomov und Jonathan Power

Es gibt zahlreiche Menschenschmugglerringe, die nur darauf spezialisiert sind, ausländische Arbeiter schwarz in die Bundesrepublik oder nach Frankreich zu schleusen, wo sie von illegalen Arbeitsvermittlern schamlos ausgebeutet werden. Besonders groß ist die Zahl der "illegalen", die aus den ehemaligen französischen Kolonien Schwarzafrikas nach Frankreich gebracht werden. Schlagzeilen machen sie nicht. Von "Sklaverei" und "skandalöser Geschäftemachern" ist nur dann die Rede, wenn wieder einmal auf verschneiten Alpenpässen Afrikaner erfroren aufgefunden werden, wenn an der Grenze ein verplombter Tanklastzug entdeckt wird, aus dem 59 halbverhungerte und fast erstickte Arbeiter aus Mali und Senegal heraustaumeln oder wenn 72 illegale afrikanische Grenzgänger in einer Schäferhütte in den Pyrenäen entdeckt werden.

Um Her Sache auf den Grund zu gehen, machten wir uns auf in einen der abgelegensten Winkel Afrikas, tief drinnen in den ehemaligen westafrikanischen Kolonien Frankreichs, Mauretanien, Mali und Senegal. Mehr als viertausend Kilometer reisten wir per Flugzeug, Zug, Lastwagen und Moped kreuz und quer. Wir sahen uns in heruntergekommenen afrikanischen Herbergen in Paris und in obskuren Absteigen in Dakar um. Wir sprachen mit der Polizei in Rom und den Behörden in Paris und Dakar. Und wir nahmen Einsicht in einem vertraulichen Bericht, der von einem Team der Vereinten Nationen für die afrikanische Wirtschaftskommission (ECA) ausgearbeitet worden war.

13 Millionen Gastarbeiter und ihre Familien leben allein in den Staaten des Gemeinsamen Marktes, das ist mehr als die Bevölkerung von Dänemark, Luxemburg und Irland, zusammen. Wie viele von ihnen Schwarzafrikaner sind, läßt sich schwer sagen. Fest steht nur, die meisten von ihnen halten sich in Frankreich auf. Offizielle Regierungsschätzungen gehen von etwa 50 000 aus. Der Generalverband Senegalesischer Arbeiter, der sehr empfindlich auf die Gerüchte von einer angeblichen schwarzen Invasion reagiert, nennt 26 000. Jean-Claude Guillebaud vom Monde meint, es seien etwa 70 000, und jedes Jahr kämen 5000 hinzu: 21 000 Senegalesen, 10 000 Mauretanier und 35 000 Afrikaner aus Mali. Die übrigen kommen aus den französischsprachigen Staaten Afrikas wie Dahomey, Elfenbeinküste und Guinea. Aber hinter den verschiedenen Nationalitäten verbirgt sich ein. wichtiges gemeinsames Merkmal: Fast alle dieser zugewanderten schwarzen Arbeiter gehören der gleichen ethnischen Gruppe an. 75 Prozent von ihnen sind Soninkes aus dem Dürregebiet am Oberlauf des Senegal.

Dies alles wäre an und für sich nichts besonderes, wenn nicht auf Seite 20 des UN-Reports folgendes stünde: "Im Jahr 1971 wurden 103 Einreisevisen für afrikanische Arbeiter aus dem Gebiet südlich der Sahara erteilt." Das aber kann nichts anderes heißen, als daß die Mehrzahl der Afrikaner, die französische Straßen kehren, französische Mülleimer leeren und die Dreckarbeiten in den Fabriken verrichten, schwarz ins Land gekommen sind. 2500 Mark hat sie das im Schnitt gekostet. Das ist der doppelte Preis für ein reguläres Flugbillet. Sie sind auf den verschiedensten, häufig gefährlichen Routen nach Frankreich geschleust worden. In den letzten zehn Jahren haben mehr als hundert Afrikaner diesen Versuch, in das angeblich so gelobte Land zu kommen, mit dem Leben bezahlen müssen.

Bis ans Lebensende verschuldet

Die älteste und eingefahrenste Route führt durch Marokko und Spanien. Mit dem Schiff nach Agadir oder Casablanca, dort umsteigen und dann weiter nach Bilbao oder Barcelona. Oder aber mit dem Flugzeug nach Las Palmas, Madrid oder Barcelona. Dann tagelanges Warten in miesen kleinen Hotels, wie das Hotel Lincoln in Casablanca, das Los Arcos in Barcelona oder die Patxi-Bar in Irun. Warten auf spanische "Reisebegleiter", die sie dann in langen Nachtmärschen über die Pyrenäen nach Frankreich schmuggeln. An der Grenze pflegen ihnen ihre baskischen Führer zu sagen: "Nur immer geradeaus, das ist schon Frankreich" – und Hunderte laufen auf diese Weise direkt in die Arme der französischen Polizei.