Bonn entscheidet über den Schwangerschafts-Abbruch

Von Petra Kipphoff

Im Jahre 1902 stellte Karl Kraus fest: "Wir können uns nicht daran gewöhnen, Sittlichkeit und Kriminalität, die wir so lange für siamesische Begriffszwillinge hielten, voneinander getrennt zu sehen." Können wir es heute?

In dieser Woche stimmt der Bundestag über eine Neufassung des Paragraphen 218 des Strafgesetzbuches ab. Bundeskanzler Brandt hat zwar bis zur letzten Minute nichts weiter als große Unlust gezeigt, sich zu diesem Thema zu äußern; sein Bedarf an humanitärem Vokabular scheint mit dem Import des Wortes "compassion" gedeckt zu sein. Auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Wehner, der sonst gern und kompetent als explodierender Dampfkessel auftritt, schwieg lange laut vor sich hin. Bei der Abstimmung aber müssen alle Farbe bekennen: Eine Unzahl von Männern (486, wenn alle männlichen Abgeordneten anwesend sind) und auch ein paar Frauen (32, wenn alle weiblichen Abgeordneten anwesend sind) entscheiden darüber, wie der nunmehr hundertjährige Paragraph neu gefaßt wird.

Vernebelte Szene

Was in der Sprache der Naturwissenschaft "Schwangerschaftsabbruch" und im Volksmund "Abtreibung" heißt, ist gewiß nicht nur eine Angelegenheit der Frauen. Aber merkwürdig bleibt doch, daß Männer quasi unter sich über ein Thema befinden, das ursächlich mit der conditio feminina zusammenhängt und in erster Linie und essentiell das Leben der Frau betrifft. Bevor man diesen Abstimmungszustand vernünftig oder normal oder gottgewollt nennt, stelle man sich die Situation einmal, andersherum vor: eine Mehrzahl von Frauen entscheidet darüber (nachdem, versteht sich, das Thema in der demokratischen Öffentlichkeit solange zerredet wurde wie jetzt der weibliche Unterleib), was die Träger männlicher Genitalien nach Abwägung privater gegen öffentliche Interessen und unter gebührender Rücksicht auf den kirchlichen Standpunkt damit anfangen dürfen oder nicht. Eine Vorstellung, an der nur komisch ist, daß die umgekehrte, die derzeitige Situation für selbstverständlich gilt.

In den letzten Wochen wurde die Szene vernebelt: mit neuen und alten Unterstellungen, Provokationen, Drohungen und Beschwörungen, vorgetragen von Weltanschaulern und Politikern mit und ohne Portefeuille. Startschuß dafür war der, ach so gut gemeinte, abgesetzte, für Norddeutschlands aufgeklärte Bevölkerung dann doch erlaubte "Panorama"-Film, der einen illegalen Schwangerschaftsabbruch zu einem Werbespot für blumenfrohe Bettwäsche herabstilisierte. Die Ärztin Kämmerer, die sich mit Berliner Kollegen zu dieser Demonstration bekannte, sagte, daß so etwas nötig sei, weil Frauen heute ihren Mann stehen müssen. Die SPD warf gleichzeitig eine allzu späte Broschüre unters Volk, zur Versachlichung der Diskussion, aber da gab es nichts mehr zu versachlichen.