Problemlos glücklich – der Fernsehkommentator jauchzte seine Hymne auf die deutsche Mannschaft, die in der letzten Woche die Ungarn in Dortmund mit 5:0 ins internationale fußballerische Abseits laufen ließ. Uwe Seeler, Ehrenkapitän der Fußballnationalmannschaft, widersprach nur indirekt. Das Spiel der neuen, jungen Leute habe Overath und Netzer vergessen lassen. Diese Aussage aber impliziert bei aller Freude über den Erfolg die Probleme, mit denen sich Helmut Schön nun konfrontiert sieht. Die bisher als einzig zu diskutierende Frage lautete, geht es mit Netzer und Overath.

50 Tage vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Lande, 40 Tage bevor der Bundestrainer die 22 Spieler, die Deutschland vertreten werden, endgültig dem internationalen Dachverband, der FIFA, melden muß, eine Woche bevor das letzte Testspiel gegen Schweden am 1. Mai in Hamburg stattfindet, gibt sich Helmut Schön sokratisch: "Ich weiß, daß ich nichts weiß." Denn weder Overath, der die beiden letzten Examina gegen Schottland am 27. März in Frankfurt (2:1) und jetzt gegen Ungarn versäumte, weil er nicht in Form sei – so seine Begründung –, noch Netzer, der wegen einer hartnäckigen Verletzung fehlte, konnten getestet werden.

Ihr einziges gemeinsames Auftreten in Rom am 26. Februar gegen Italien (0:0) ließ nur den Schluß zu, Netzer ohne Overath. Doch legt man bei einer Wertung die letzten Spiele gegen Schottland und Ungarn zugrunde, lautet jetzt die Alternative ohne Netzer und Overath. Schöns nach dem letzten Spiel geäußerte Zufriedenheit über Kondition und Tempo – "das Mittelfeld wurde schnell überbrückt, wir haben trotz der klaren Führung im Tempo nicht nachgelassen" – scheint ein Indiz für diese Tendenz zu sein. Das Paradoxon, jeder Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft ohne Netzer und Overath wird zu einer persönlichen Niederlage dieser beiden, könnte aber zu falschen Schlüssen führen.

Denn nichts liegt Helmut Schön ferner als der Gedanke, ohne Netzer spielen zu wollen. Für diese Prognose spielen sachliche und emotionale Gründe – der Gewinn der Europameisterschaft 1972 zum Beispiel – eine Rolle. Zur Sache. Sowohl die Ungarn als auch die Schotten spielten Fußball ohne Tempo. Die Technik beschränkte sich auf Aktionen am Ball im Stand und beim Spiel in die Breite oder nach hinten. Dort also, wo nichts zu entscheiden war. Erst als die Ungarn nach einer Stunde konditionell am Ende waren, konnten sich die deutschen Spieler durchsetzen. Dann allerdings so eindrucksvoll wie vor allem Hölzenbein und Flohe.

Ist aber Netzer gesund, wird seine Spielweise von Anfang an, für den Wechsel zwischen Flügelspiel und steilem Durchspiel in der Mitte sorgen. Außerdem – Haller 1966 bei der WM in England, Seeler 1970 in Mexiko sind dafür Beispiele – bilden Routine, Erfahrung und Cleverness die Garantie dafür, daß in einem Spiel nicht zu oft der Ball verlorengeht. Der Ball in den eigenen Reihen bedeutet Ruhe, Selbstvertrauen und Sicherheit. Beckenbauer schafft das nicht allein im Mittelfeld gegen große Mannschaften. Auch das zeigte sich andeutungsweise gegen die Ungarn, von verlorenen Spielen in München gegen Jugoslawien (0:1) und Argentinien (2:3) im letzten Jahr ganz abgesehen.

Also doch noch warten auf Netzer. Allerdings kann der deutsche Fußballfan jetzt wieder ruhiger schlafen. Helmut Schön wird zur Weltmeisterschaft in jedem Fall eine sehr gute Mannschaft präsentieren. Ob sie gar genial spielen wird – diese Prognose sei gewagt –, hängt an Beckenbauer und Netzer. Daß alle 22 Nominierten das Optimum deutscher Fußballkunst verkörpern, diese Zweifel plagen Helmut Schön nicht mehr. Was er jetzt noch benötigt, ist Fortüne. Kein großer Stratege kann ohne sie bestehen.

Jürgen Werner