Günter Moltmann: "Atlantische Blockpolitik im 19. Jahrhundert. Die Vereinigten Staaten und der deutsche Liberalismus während der Revolution 1848/49"; Droste Verlag, Düsseldorf 1973; 454 S., 58,– DM.

In dieser gründlichen Untersuchung wird die außenpolitische Geschichte der deutschen Revolution von 1848/49 behandelt und zugleich ein Kapitel deutsch-amerikanischer Beziehungen aufgeblättert, das bisher von der Geschichtsschreibung vernachlässigt worden ist. Das Zusammenwirken zwischen amerikanischer Politik und deutschem Liberalismus während der 48er-Revolution ließ sich in der Vergangenheit nur schwer bestimmen. Verständlicher weise: Ideologische Frontbildungen lassen sich schließlich nicht durch die Erörterung diplomatischer Beziehungen allein nachvollziehen.

Moltmann hat deshalb deutsche und amerikanische Archivalien, Parlamentsberichte, Zeitungen und Zeitschriften und nicht zuletzt zeitgenössische Literatur und Memoiren aufgearbeitet. Das Ergebnis ist einigermaßen überraschend: Die revolutionären Kräfte in Deutschland erhielten erhebliche moralische Rückenstärkung aus den Vereinigten Staaten, ja, manchmal ging es noch darüber hinaus: in der Diplomatie, in der Wirtschaft, bei der Flottenpolitik und in Verfassungsfragen gingen von beiden Seiten vielerlei Initiativen aus, "die die Affinität des etablierten amerikanischen und des projektierten deutschen liberalen Systems belegen".

Die Sympathien Amerikas für den deutschen Liberalismus der 48er-Revolution waren unverkennbar. Am 26. Oktober 1848 berichtete der amerikanische Gesandte in Berlin, Andrew J. Donelson, seinem Vorgesetzten nach Washington: "Eine Bewegung dieser Art (die deutsche Revolution), die all die Lieblingsideen durcheinander wirbelt, auf denen der Absolutismus so viele Jahre gegründet war, kann nicht fortschreiten, ohne auf mächtige Gegenkräfte zu stoßen und ohne durch Krieg und Konvulsionen gekennzeichnet zu sein. Schreitet sie weiter fort, müssen wir als Freunde teilnehmen. Schlägt sie fehl, werden wir davon mitbetroffen als Störer des allgemeinen Weltfriedens."

Bei Stimmen dieser Art verwundert es nicht, wenn viele Liberale und Demokraten, als die Revolution zu scheitern drohte, auf amerikanische Intervention hofften. Daß diese Hoffnung so abwegig nicht war, beweisen die von Moltmann geschilderten amerikanischen Interventionsdebatten in den Jahren 1851/52, Debatten, an denen sich zeigte, daß der Prinzipienstreit zwischen Intervention und Nichteinmischung in den Vereinigten Staaten nicht erst ein leidiges Problem der Gegenwart ist.

Die Untersuchung Moltmanns läßt sogar den Schluß zu, daß die Formen des außenpolitischen Denkens in den Vereinigten Staaten, in ihrer Verquickung mit Ideologie, Interessen- und Machtpolitik, für die Gegenwart die gleichen geblieben sind. Nur die Vorzeichen haben sich verändert. Die Auffassung, daß Hilfe und Unterstützung für die freiheitsliebenden Europäer während der 48er-Revolution eine moralische Pflicht sei, entspricht heute der in Amerika weit verbreiteten Vorstellung, die westliche Welt in Vietnam, Kambodscha oder Europa gegen den Kommunismus verteidigen zu müssen.

Wie auch immer: Es ist reine Spekulation sich auszumalen, wie amerikanische Europapolitik seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hätte aussehen können, wenn sich die Verfechter einer Interventionspolitik hätten durchsetzen können. Obgleich sich die Vereinigten Staaten den Liberalen verbunden fühlten in ihrem Kampf gegen die einsetzende Reaktion des "alten Europa", scheuten sie das politische Risiko einer Einmischung.