Von Hans Schueler

Fast drei Monate lang hatte sich die CDU/CSU mit dem Problem herumgeschlagen, ob sie bei der Wahl des neuen Bundespräsidenten am 15. Mai dem Koalitionskandidaten Walter Scheel ihre Stimme geben oder einen eigenen Bewerber in das für ihn aussichtslose Rennen schicken sollte.

Der Bundespräsident wird von der Bundesversammlung gewählt, einem Gremium, das sich aus den Abgeordneten des Bundestages und einer gleichen Zahl von Wahlmännern zusammensetzt, die von den Landtagen aller Bundesländer einschließlich Westberlins bestimmt werden. Der Bundestag hat 518 Abgeordnete. Davon gehören 242 der Fraktion der SPD, 234 der CDU/CSU-Fraktion und 42 der FDP-Fraktion an. Nach der Umrechnung der Ergebnisse der Hamburger Bürgerschaftswahl entfallen von den durch die Landtage zu bestimmenden 518 Wahlmännern 230 auf die SPD, 266 auf die CDU/CSU und 22 auf die FDP. Das ergibt für die Bundesversammlung ein Stimmenverhältnis; von 536 zu 500 Delegierten zugunsten der in Bonn regierenden Koalition, vorausgesetzt, daß alle Wahlmänner der SPD und FDP für den Kandidaten Walter Scheel stimmen.

In der Union zeichnete sich der Meinungsumschwung für einen eigenen Bewerber schon seit Wochen ab. Die Entscheidung für Richard von Weizsäcker freilich fiel Ende letzter Woche wie in einem Handstreich. Am Freitag noch tippten nahezu alle Bonner Auguren auf den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger. Er hätte, dem rechten Flügel der Partei zugehörig, am ehesten noch die in Teilen der Union verbreitete Abneigung gegen den Außenminister Scheel, den "Notar" der neuen Ostpolitik, verkörpern können. Aber Filbinger wollte sich nicht verschleißen lassen, ebensowenig wie der beiläufig von Franz Josef Strauß empfohlene Bayern-Premier Alfons Goppel, der sehr wohl begriffen hatte, daß es seinem Parteichef nicht so sehr darauf ankam, ihm mit dem Vorschlag Ehre zu erweisen, als vielmehr, ihn durch ein totes Rennen abzuwerten.

Richard von Weizsäcker fügte sich zum zweiten Male in die ihm vom CDU-Präsidium angetragene Zählkandidatur. Diesmal hat er immerhin die Gewißheit, daß er der Erwählte der Union, wenn auch wohl nicht der Bundesversammlung sein wird. Selbst die CSU akzeptierte ihn gegen manche Bedenken. Vor fünf Jahren schon war er, mehr an der Loyalität zur Partei als an der Erfolgschance orientiert, dem Aufruf einer Gruppe von CDU-Politikern gefolgt, sich zur Präsidentenwahl damals gegen Gustav Heinemann – zu stellen. Doch er unterlag in der Vorentscheidung einer CDU/CSU-Kommission dem Kandidaten Gerhard Schröder mit 20 gegen 85 Stimmen.

Der Vorsitzende der Grundsatzkommission, die der CDU zu einem neuen Programm verhelfen soll, markiert freilich keinen politischen Kontrapunkt zu seinem Kontrahenten Walter Scheel. Weizsäcker hat in der Diskussion um die Ostpolitik der Bundesregierung und ihres Außenministers stets eine mittlere, vermittelnde Linie gesucht. Er gehörte zu den Befürwortern der Verständigung mit dem Osten, auch wenn er sich bei der Abstimmung über die Verträge in die Solidarität mit der Partei fügte. Seine innenpolitische Position rechtfertigt durchaus die Unionsthese, daß es zwischen CDU und FDP mehr Gemeinsamkeit gäbe denn zwischen der FDP und ihrem sozialdemokratischen Koalitionspartner.

Als im November letzten Jahres der Versuch gescheitert war, Gustav Heinemann für eine zweite fünfjährige Amtsperiode zu gewinnen, glaubte Wehner, im 25. Jahr der Republik seien wir "zum erstenmal auf freiem Felde" – frei im Zeichen wachsender Polarisierung, das Staatsoberhaupt als Integrationsfigur zwischen Koalition und Opposition zu etablieren. Mag sein, daß Wehner da noch an Willy Brandt dachte. Die Unionsführung aber griff den ihr zugeworfenen Ball zunächst begierig auf, nachdem Walter Scheel seine Kandidatur im Dezember angemeldet hatte. Der Verzicht auf einen eigenen Bewerber erschien Helmut Kohl ebenso wie Franz Josef Strauß als Einstandspreis für ein neues Bündnis mit den Freien Demokraten.