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Kunstraub bleibt en vogue – aber das große Geld bringt er nicht

Von Jürgen S. Holm

Madonnen und Heiligenfiguren verschwinden aus Kirchen und Klöstern, Gemälde aus Museen und Galerien. Gestohlen. Manche dieser Kunstwerke tauchen nie wieder auf. Man vermutet sie in den Kellern nachgebauter englischer Schlösser amerikanischer Multimillionäre oder in Geheimsammlungen reicher Psychopathen.

Kunstraub ist mindestens seit 1911 en vogue, als ein italienischer Patriot die Mona Lisa aus dem Pariser Louvre stahl, weil er sie den Franzosen nicht gönnte. Derart idealistische Motive kommen bei Kunstdiebstählen häufig ins Spiel. So wollte ein Belgier, der im Herbst 1971 den "Liebesbrief" von Vermeer entwendete, Geld für ostpakistanische Flüchtlinge aufbringen. Ein Jahr zuvor hatte eine Gruppe von Italienern in Florenz einen Memling und einen Masaccio entführt. Sie forderten die Regierung auf, mehr für den Umweltschutz zu tun.

In einem der jüngsten Fälle, dem Diebstahl der "Lautenspielerin" von Vermeer Ende Februar aus dem Kenwood-House-Museum in Nordlondon, herrscht noch Verwirrung. Es gibt da einen anonymen Anrufer bei der Zeitung Guardian‚ der wiederholt eine Lebensmittelaktion für die Armen auf den westindischen Inseln forderte. Er gibt an, das Bild befinde sich unter seinem Bett. In einem Leserbrief an die Londoner Times dagegen hieß es: "Schicken Sie die Price-Schwestern nach Irland, damit sie dort ihre Strafe absitzen können."

Motive unklar

Die beiden jungen Frauen, Marian und Dolours Price, waren im März 1973 als Mitglieder einer irischen Extremistengruppe zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt worden, die sie in England verbüßen. Dem Schreiben war ein Stückchen braunbemalter Leinwand beigeheftet, das angeblich aus dem gestohlenen Gemälde stammt. Es wird von Experten geprüft. Sollte es tatsächlich irischer Patriotismus sein, der hinter der Tat steckt, so scheinen die Motive doch unklar, es sei denn, man glaubt, die beiden Frauen in Nordirland leichter befreien zu können als in England.

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Inzwischen hat England? Liberale Partei 50 000 Pfund für die Rückgabe der "Lautenspielerin" angeboten, um das Gemälde zu retten. Museumsexperten meinen, daß es verlorengeht, wenn es nicht unter richtigen klimatischen Bedingungen und mit pfleglicher Sorgfalt aufbewahrt wird.

Im Falle der Mona Lisa gab es allerdings noch eine andere Theorie. Es dauerte nämlich mehr als zwei Jahre, bis das Gemälde an den Louvre zurückgegeben wurde. Der Italiener Vicenzo Perugia, der sich als Reinigungsarbeiter verdingt hatte, konnte das Bild unter seiner Arbeitskleidung am 21. August 1911 durch einen Hinterausgang aus dem Museum schmuggeln. Er wurde festgenommen, als er versuchte, es an einen Kunsthändler in Florenz zu verkaufen, Und später zu sieben Monaten Freiheitsstrafe verurteilt.

Aber erst kurz vor Weihnachten 1913 wurde dies wohl berühmteste Gemälde der Welt nach Paris zurückgebracht. Schon damals – und immer wieder taucht das Gerücht auf – wurde gemunkelt, es sei gar nicht das Original, das jetzt im Louvre hängt, sondern eine raffiniert angefertigte Kopie. Die echte Mona Lisa sei an einen brasilianischen Kaffeemillionär verkauft worden. Perugia sei nicht der Patriot gewesen, für den er sich ausgegeben habe, sondern Mitglied einer Bande, die sich mit dem Diebstahl alter Meister, und deren Export nach Südamerika bereicherte. Und es sei nicht nur eine Kopie der Mona Lisa angefertigt worden.

Diese Theorie wird erhärtet durch die Erklärung eines französischen Marquis, der 1948 auf dem Sterbebett angab, er sei der Drahtzieher hinter den Kulissen dieser Bande gewesen. Er sei "Amateurkunsthändler", und einer seiner Kunden habe ihm wiederholt gesagt, er sei bereit, für die Mona Lisa jede Summe zu zahlen.

Da im Louvre das Kopieren von Gemälden nicht gestattet ist, sei er, der Marquis, auf den Gedanken gekommen, die Mona Lisa kurzerhand zu "entleihen"; denn sein "Hausfälscher", der ihm schon eine Reihe von Murillos und Raphaels gefertigt habe, könne keine Kopie machen, wenn er das Original nicht vor sich habe. Insgesamt seien sechs Kopien angefertigt worden. Ob diese Geschichte stimmt oder nicht, weiß kein Mensch. Sie ist zumindest nicht unmöglich, wenn man bedenkt, wie lange das Gemälde im Untergrund blieb.

Auf den Tag genau fünfzig Jahre nach dem Mona-Lisa-Raub Stahl jemand ein Goya-Gemälde aus der englischen Nationalgalerie in London. Das Bild wurde 1965 zurückgegeben. Im Jahre 1961 gab es so etwas wie eine Kunstraubepidemie, besonders in Frankreich.

  • Anfang April wurden aus dem Restaurant Colombes d’Or in St.-Paul-de-Vence zwanzig Bilder gestohlen, darunter Werke von Picasso, Braque, Léger und Chagall.
  • Zwei Wochen später wurden dem in St.-Paulde-Vence ansässigen Kunsthändler Aimé Maeght 24 Bilder moderner Maler entwendet.
  • In der Nacht zum 16. Juli fuhr eine Bande mit einem Lastwagen vor dem Städtischen Museum in St.-Tropez vor, brach ein und fuhr mit 57 Werken ab. Damaliger Wert: um die zehn Millionen Mark.
  • Eine Cézanne-Ausstellung in Aix-en-Provence – der Maler war dort geboren und hatte auch dort gelebt – wurde trotz der Bewachung durch zwei Polizisten vollständig ausgeraubt. Damaliger Wert: 15 Millionen Mark.

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Unter einem Diwan

Die Bilder wurden bis auf eines, einen Segonzac, den die Diebe in ihrer Wut zerrissen hatten, heil sichergestellt, in einer Scheune, in einem gestohlenen Auto, in der Gepäckaufbewahrung des Bahnhofs St.-Charles in Marseille. In allen Fällen wurde die Polizei durch anonyme Anrufe oder Briefe verständigt. Das nimmt den nicht wunder, der die Verhältnisse auf dem Kunstmarkt einigermaßen überblickt.

Kein erfahrener Kunsthändler wird sich mit Hehlerei befassen. Er wird sich immer zuerst nach dem "Stammbaum" eines ihm angebotenen Bildes erkundigen. Die wichtigsten Kunstwerke kennt er ohnehin, und wenn ihm jemand mit einem Rembrandt in die Tür kommt, wird er vermutlich sofort die Polizei anrufen lassen. Mit Kunstraub kommt man nicht so leicht an das große Geld.

Jedenfalls nicht, wenn der Dieb versucht, allzu große, Brocken zu schlucken. Eine Bande in Schleswig-Holstein kassierte 1971 eine Reihe von Kirchen ab und erbeutete 34 gotische Holzfiguren, die gut abzusetzen waren. In solchen Fällen kann sich jeder Händler, der die Ware abnimmt, auf sein gutes Gewissen berufen, braucht sich nicht als Hehler beschimpfen zu lassen.

Eine kuriose Geschichte ereignete sich im Juli 1972 in London. Die O’Hana-Galerie wurde von einer Bande, die wie jene in St.-Tropez mit einem Lastwagen arbeitete, vollständig ausgeraubt. Wert: mindestens 300 000 Pfund. Unverzüglich wurde eine Belohnung von 20 000 Pfund ausgesetzt. Das ging in diesem Falle, da die Galerie im Gegensatz zu den meisten staatlichen Kunstsammlungen versichert war. Prompt bekam die Polizei zwei Wochen später den "heißen" Tip und veranstaltete eine Razzia in einem Warenlager im Londoner East End. Unter einem Diwan versteckt, wurden die Bilder gefunden. Zwei Männer wurden festgenommen. Im Januar des folgenden Jahres standen sie vor dem Londoner Gerichtshof Old Bailey und schwiegen hartnäckig, kein Geständnis war ihnen zu entlocken. Der Staatsanwalt konnte kein Beweismaterial vorlegen, und so mußte die Jury den Spruch "nicht schuldig" fällen. Die beiden kamen frei und erhielten eine Haftentschädigung.

Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang: Wie kann man Kunstraub verhindern? Es gibt eine Reihe von modernen Alarmanlagen, die mögliche Täter durch schrilles Klingeln sofort abschrecken. Das Rejksmuseum in Amsterdam hat jeweils in den Durchgängen von einem Raum zum anderen einen Wächter aufgestellt, der beide Räume im Auge behalten kann.

Aber wie will man beispielsweise Kirchen, die schon seit dem Mittelalter immer wieder dem Kunstraub ausgesetzt waren, wirksam schützen? Da die Gotteshäuser den Gläubigen offenstehen, tun sie es notwendigerweise auch für Ungläubige, die es mit dem Gebot "Du sollst nicht stehlen" weniger ernst nehmen. Und ein Barockgitterchen vor dem Altar schützt auch nicht.