Meine Ernennung überraschte mich, weil ich kein Fachmann für Ostfragen war. Ich hatte zwar 1962/63 einige Monate als Leiter der Handelspolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes in Polen verhandelt. Mit Russen aber war ich kaum jemals in Berührung gekommen. Ich sprach auch nicht Russisch, und die besonderen Probleme des europäischen Ostens waren mir zwar bekannt, aber nicht näher vertraut."

Kein Wunder, daß der Mann, von dem diese sympathisch offenherzigen Zeilen stammen –

Helmut Allardt: "Moskauer Tagebuch. Beobachtungen, Notizen, Erlebnisse"; Econ Verlag, Düsseldorf 1973; 424 S., 32,– DM –

"ohne viel Enthusiasmus und ohne rechte Überzeugung" im Mai 1968 als Botschafter der Bunder rechte Mann für diesen Posten sei. Rätselhaft, warum man dennoch gerade auf ihn verfiel. Angesichts der überragenden Bedeutung, die Willy Brandt schon damals der Ostpolitik einräumte, bei der dem Kreml doch offensichtlich die Schlüsselrolle zufiel, ist wirklich erstaunlich, daß der damalige Außenminister einen Mann in die Sowjetunion entsandte, dessen ostpolitische Auffassungen er gar nicht kannte.

Erst unmittelbar vor Allardts Ausreise kamen beide Männer zu einem ersten Gespräch zusammen. "Leider war die Zeit zu kurz, um das Thema der deutsch-sowjetischen Beziehungen eingehender zu erörtern." Daher blieb Allardt unklar, ob seine Ansichten zum Thema auch nur "in etwa" mit denen seines Ministers übereinstimmten. Man möchte die Berufung Allardts auf ein Mißverständnis zurückführen.

Mißverständnisse und Meinungsverschiedenheiten zwischen Bonn und ihm hat es in den vier Jahren, die Allardt in Moskau verbrachte, immer wieder gegeben. Der Botschafter mißbilligte die Eile, mit der die sozialliberale Regierung zu Werke ging, hielt überhaupt ihre Taktik für miserabel. Besonders verdrossen ihn die Verhandlungsmethoden Egon Bahrs. Das kann man verstehen – schließlich hatte ihn dieser Vertraute Brandts rasch von der Delegationsführung bei den Sondierungsgesprächen mit Gromyko verdrängt. Allgemein sah sich unsere Moskauer Botschaft aus dem Bonner Denkprozeß fast völlig ausgeschaltet.