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Von Nina Grunenberg

Rüdiger Offergeld ist 30 Jahre alt und Studienrat auf Probe am Luitpold-Gymnasium in München. Er unterrichtet Deutsch, katholische Religion und Sozialkunde und ist Klassenlehrer der Klasse 12 b (Unterprima). 1970 hat er sein Referendarexamen gemacht. Mit den guten Noten, die er erhielt, hätte er schon nach ein und einem halben Jahr vom Staat "auf Lebenszeit übernommen" werden können.

Es kam anders. Plötzlich erhielt er nur noch schlechte Beurteilungen. Er wurde auch nach der Regel-Probezeit von drei Jahren noch nicht "verbeamtet". Seine Bewährungszeit wurde im August 1973 noch einmal um ein Jahr verlängert. Am Osterdienstag teilte das Kultusministerium in München mit, Rüdiger Offergeld sei zum 1. Juli 1974 entlassen.

Der Fall Offergeld sei längst, so meinen betroffene Eltern, für die älteren Schüler zu einem Beispiel politischer Bildung geworden.

Was ist daran so exemplarisch?

Rüdiger Offergeld gehört zur Generation der "68er". So werden im saloppen Tonfall heute die Träger der Studentenunruhe Ende der sechziger Jahre genannt. Unter Theologen, Journalisten und Lehrern sind sie relativ häufig. Sie sind theoretisch gebildet, politisch aktiv, intelligent und nicht sonderlich anpassungsbereit. Offergeld war keiner der prominenten 68er; er fiel nur einmal auf, als er als erster katholischer Theologe, an den man sich je erinnern konnte, auf einer linken Liste für den Konvent der Münchner Universität kandidierte.

Als er im September 1968 in seiner Münchner Seminarschule zum Referendardienst antrat, war er schon SPD-Mitglied. In dem Gymnasium war man damals fast noch froh über einen Linken, erzählen Kollegen. Es war die Zeit der Notstandsgesetzgebung, und es hatte Ärger an den Schulen gegeben. Offergeld war den Argumenten der Jungen gewachsen und diskutierte lässig mit ihnen.

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Zurückhaltender wurden seine Vorgesetzten erst, als sie entdeckten, daß er kein linker Individualist war, sondern lieber in Gruppen auftrat. Den ersten Konflikt gab es, als unter seiner Führung die angehenden katholischen Religionslehrer geschlossen das Seminar verließen, weil ihnen der Seminarleiter nicht genügte. Das Kultusministerium war gezwungen, einen neuen Mann zu schicken. Das hatte es noch nie gegeben. Der Vorfall wurde auch nie vergessen.

Kurz darauf trat Offergeld als erster Referendar im bayerischen Schuldienst in die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ein. Die Regel war, daß ein bayerischer Lehramtskandidat automatisch in den (konservativen) Philologenverband eintrat, um sich Rechtsschutz zu sichern.

Der Zufall oder die Münchner Vorsehung wollte es, daß der Referendar Offergeld seitdem an Schulen versetzt wurde, die eher durch ihre autoritäre Leitung auffielen als durch ein liberales Klima. Irgendeinen Ärger gab es immer. Die Vorsitzende des Elternbeirats am Luitpold-Gymnasium in München kann deshalb auch sagen: "Offergeld ist ja noch nie mit seinen Direktoren ausgekommen." Sein erstes Jahr als Studienrat zur Probe verbrachte Offergeld in der 13 000-Seelen-Stadt Schrobenhausen. Dort gab es Aufregung, weil er seine Klasse in die Stadt ausschwärmen ließ, um die Bürger zu befragen: "Wie stellen Sie sich die Hölle vor?" Und: "Würden Sie einem Neger ein Zimmer vermieten?" Unter Offergelds Einfluß traten außerdem sämtliche Referendare binnen kurzer Zeit der GEW bei. Das ärgerte auch.

Die Erziehergewerkschaft, die in Bayern bis dahin im Schatten des mitgliederstarken und volksschulorientierten Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes stand, hatte 1969 begonnen, eigenes Profil zu entwickeln. Sie verdankte es Universitätsabsolventen wie Offergeld, die in der Gewerkschaft politische Rückendeckung suchten, um im Schulalltag mit ihren reformerischen Ideen nicht sofort unterzugehen. Von den 70 000 Lehrern in Bayern hat die GEW bis heute zwar nur 5000 gewonnen (der BLLV hat 35 000, der Philologenverband 9000; insgesamt gibt es in Bayern rund 30 Lehrerverbände, die streng nach Schultypen und Konfessionen organisiert sind), aber die Mitgliederzahl hat steigende Tendenz. Dafür beginnt der Philologenverband, sich Nachwuchssorgen zu machen.

In der politisch weithin ungestörten und durchorganisierten CSU-Schullandschaft Bayerns wirkt die GEW isoliert und provozierend. Alle anderen Lehrerverbände haben im Kultusministerium ihre Verbindungsleute sitzen, so daß Konflikte nicht dem Zufall überlassen bleiben, sondern leise und unter der Hand beigelegt werden können. Anders die GEW: Sie hat weder Verbindungen noch Verbindlichkeiten. Seit der alte und gemäßigte Vorstand, der noch das Volksschullehrer-Image hatte, Mitte letzten Jahres das Feld räumen mußte und nach heftigen "Unterwanderungs"-Vorwürfen jüngeren und politisch linkeren Akademikern das Feld überließ, ging die bayerische GEW vollends auf Konfrontationskurs zum Kultusministerium. Sie rechnet es sich zur Ehre an, der einzige Pädagogenverein in Bayern zu sein, der die Unzufriedenheit der Lehrer laut und unerschrocken artikuliert und nicht nur mit dem pädagogischen, sondern mit dem politischen Zeigefinger auf Mißstände im bayerischen Schulwesen deutet.

Daß das Kultusministerium versuchen würde, ein Exempel zu statuieren, bevor die GEW zu stark würde, war zu erwarten. Daß sich die Bürokratie am Münchner Salvatorplatz Rüdiger Offergeld für den politischen Disziplinierungsversuch herausgegriffen hat, steht für seine Freunde außer Frage. Sein Name ist mit den politischen Anfangserfolgen der GEW in Bayern eng verbunden. Als er im Januar 1973 zum Bundesvorsitzenden der jungen Lehrer und Erzieher in der GEW gewählt wurde, war das auch eine Anerkennung seiner Basisarbeit in Bayern. Er ist Mitglied des GEW-Bundesvorstandes, kurz: ein wichtiger Funktionär der Gewerkschaft. Dies habe dienstliche Belange nicht unmittelbar berührt, versichert der Pressesprecher des Ministesteriums, das alle anderslautenden Spekulationen empört in den Bereich der böswilligen Unterstellung verweist. Unter Hinweis auf das Beamtenrecht ist es zu genaueren Auskünften aber nicht bereit.

In die Schlagzeilen kam der Fall, weil Offergeld nicht nur ein Funktionär war, sondern offenbar auch ein guter Lehrer. Seit Herbst 1971 unterrichtet er am Münchner Luitpold-Gymnasium. Er, der selber noch aussieht wie ein sensibler Oberprimaner, hat eine Unterprima, die er nach Auskunft eines Vaters aus einem schwierigen und bunten Haufen zu einer Gruppe formte. Als der Pädagogik-Professor Hans Schiefele, der Mitglied des Elternbeirates ist, ihn zum erstenmal auf einem Elternabend sah, dachte er, es sei eine Freude, einen solchen jungen Lehrer zu haben. Offenbar war das ursprünglich auch die Meinung des Direktors Georg Lachenmayr, der in seine erste Beurteilung im Januar 1972 über Offergeld schrieb: "Der junge und aufgeschlossene Lehrer geht mit sichtlicher Freude an seine Arbeit. Mit spürbarem Erfolg bemüht er sich, seinen Stoff aktuell zu gestalten... Die Schüler arbeiten bereitwillig mit, weil er den richtigen Ton trifft." Er benotete ihn mit zwei – das hieß: gut für die Verbeamtung nach anderthalb Jahren.

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Doch es kam kein amtlicher Bescheid, es kamen Gerüchte über Elternbeschwerden, aber genaue Auskunft erhielt Offergeld nicht. Ein Jahr darauf, am 8. Januar 1973, wurde er zum Bundesvorsitzenden der jungen Lehrer in der GEW gewählt. Am 9. Februar 1973 leitete das Kultusministerium eine disziplinarrechtliche Vorermittlung gegen Offergeld ein. Am 5. Juni 1973 beantragte Offergeld ein sogenanntes "Selbstreinigungsverfahren", um auf diese Weise zu erfahren, was gegen ihn vorliegt. Am 18. Juni lehnte das Ministerium den Antrag Offergelds ab. Am 28. Juni erfuhr die GEW, daß das Ministerium Offergelds Entlassung "wegen mangelnder Eignung" erwäge. Am 8. August verlängerte es Offergelds Probezeit um ein Jahr. Am 3. November 1973 wurde ihm mitgeteilt, daß Direktor Lachenmayr ihn mit der Note 7 bewerte, das heißt: "entspricht nicht den Anforderungen" – sie bedeutet Entlassung. Auf dem Beurteilungsbogen steht: "Der Lehrer ist unfähig, sich in den Klassen disziplinar durchzusetzen. Offensichtlich bemüht er sich auch gar nicht darum, sondern nimmt die Unordnung als unabänderliche Gegebenheit hin ... Daß er nicht den Willen hat, sein Verhalten zu ändern, ist die Hauptursache seines Versagens... Während seiner achtjährigen Tätigkeit als Schulleiter ist dem Unterfertigten kein so leistungsschwacher und unbelehrbarer Lehrer begegnet."

Der Sprung von der Note 2 auf die 7 ist schwer erklärbar. Das Kultusministerium besteht aber darauf, daß es ganz einfach wäre, weil das Benotungssystem, dem die bayerischen Beamten in der Regel alle vier Jahre unterworfen werden, 1973 verändert, differenziert und um eine Stufe auf die Note 7 erweitert wurde. Daß charakterschwache oder willfährige Schuldirektoren mit Hilfe dieses Instruments gegen politisch unbeliebte Lehrer vorgehen können, um sie "zu schmieden, zu brechen oder dem Ministerium einen Vorwand zu liefern, um sie hinauszuwerfen", steht für die GEW außer Zweifel.

Das Urteil, Offergeld sei als Pädagoge nicht geeignet, basiert nicht nur auf der Beurteilung des Direktors, sondern auch auf Gutachten von außerhalb. So erstellte der Fachberater des Ministeriums für katholische Religion an den Gymnasien auf Grund schriftlicher Hausarbeiten von Offergeld-Schülern ein 21-Seiten-Ferngutachten, in dem es heißt: "Der Beamte erwartet offenbar von dem Dreigestirn Neopositivismus, Sexualismus und Marxismus das Heil der Welt." Außerdem erhebt er den Vorwurf, daß in den Arbeiten von Gott nie die Rede sei. Dazu meint der liberale Professor Günter Stachel aus Mainz in einem Gegen-Gutachten: "Religionsunterricht, in dem Gott oder Jesus Nazareth nicht erwähnt werden, ist gegenwärtig in den erwähnten Jahrgängen dominant. Insofern kommt eine Beurteilung oder Verurteilung des Herrn Offergeld einer Be- oder Verurteilung der gegenwärtig dominierenden Form des katholischen Religionsunterrichts vom 7. bis 13. Schuljahr gleich." Und er schließt mit den Worten: "Der Fall Offergeld ist weniger ein religionsdidaktischer als vielmehr ein politischer Fall. Angehörige der linken SPD sind offenbar im bayerischen Schuldienst unerwünscht. Die Kirche und deren Vollstrecker sollten sich nicht zum Vollstrecker einer solchen politischen Absicht gebrauchen lassen." Wenn die Kirche sich mit dem Kultusministerium gleichschaltet, kann sie Offergeld die missio canonica entziehen. Zu Mitte Mai ist er bereits ins Münchner Ordinariat bestellt, um dort Rede und Antwort zu stehen.

Die Schüler seiner Klasse haben Partei für Offergeld ergriffen, die Eltern ebenfalls. Im zwölfköpfigen Elternbeirat ist nur eine Minderheit für Offergeld eingetreten; offiziell wurde der Fall in diesem Gremium nie behandelt. Die der CSU nahestehende Schülerunion, die an der Schule eine starke Mitgliederriege hat, nimmt Offergeld bisher noch in Schutz. Allerdings unterscheiden die rechten Schüler zwischen Offergelds pädagogischen Talenten und seinen politischen Ansichten, von denen sie sich distanzieren.

Am 1. Juli steht Offergeld ohne eine Mark auf der Straße. Daß die GEW ihm Rechtsschutz gewährt, ist seine Rettung. Der Streit wird an die Gerichte gehen, und das kann zwei, drei Jahre dauern. Was Rüdiger Offergeld nebenbei ärgert: Der Entlassungstermin wurde so geschickt gewählt, daß er zwar noch die Arbeiten für die Zeugnisse machen muß, aber im Juli, wenn in der Schule nicht mehr viel passiert, schon vor der Türe steht. Geld für die Ferien hat er dann auch nicht mehr.

Aber was sein Fall am Ende und vor allem beweist: Es ist nicht nötig, linke Lehrer zu Radikalen zu erklären, wenn man sie vorher pädagogisch abserviert. Das Beamtenrechtsrahmengesetz reicht offenbar völlig aus. Der Radikalenerlaß ist in Bayern gar nicht nötig.