Doch es kam kein amtlicher Bescheid, es kamen Gerüchte über Elternbeschwerden, aber genaue Auskunft erhielt Offergeld nicht. Ein Jahr darauf, am 8. Januar 1973, wurde er zum Bundesvorsitzenden der jungen Lehrer in der GEW gewählt. Am 9. Februar 1973 leitete das Kultusministerium eine disziplinarrechtliche Vorermittlung gegen Offergeld ein. Am 5. Juni 1973 beantragte Offergeld ein sogenanntes "Selbstreinigungsverfahren", um auf diese Weise zu erfahren, was gegen ihn vorliegt. Am 18. Juni lehnte das Ministerium den Antrag Offergelds ab. Am 28. Juni erfuhr die GEW, daß das Ministerium Offergelds Entlassung "wegen mangelnder Eignung" erwäge. Am 8. August verlängerte es Offergelds Probezeit um ein Jahr. Am 3. November 1973 wurde ihm mitgeteilt, daß Direktor Lachenmayr ihn mit der Note 7 bewerte, das heißt: "entspricht nicht den Anforderungen" – sie bedeutet Entlassung. Auf dem Beurteilungsbogen steht: "Der Lehrer ist unfähig, sich in den Klassen disziplinar durchzusetzen. Offensichtlich bemüht er sich auch gar nicht darum, sondern nimmt die Unordnung als unabänderliche Gegebenheit hin ... Daß er nicht den Willen hat, sein Verhalten zu ändern, ist die Hauptursache seines Versagens... Während seiner achtjährigen Tätigkeit als Schulleiter ist dem Unterfertigten kein so leistungsschwacher und unbelehrbarer Lehrer begegnet."

Der Sprung von der Note 2 auf die 7 ist schwer erklärbar. Das Kultusministerium besteht aber darauf, daß es ganz einfach wäre, weil das Benotungssystem, dem die bayerischen Beamten in der Regel alle vier Jahre unterworfen werden, 1973 verändert, differenziert und um eine Stufe auf die Note 7 erweitert wurde. Daß charakterschwache oder willfährige Schuldirektoren mit Hilfe dieses Instruments gegen politisch unbeliebte Lehrer vorgehen können, um sie "zu schmieden, zu brechen oder dem Ministerium einen Vorwand zu liefern, um sie hinauszuwerfen", steht für die GEW außer Zweifel.

Das Urteil, Offergeld sei als Pädagoge nicht geeignet, basiert nicht nur auf der Beurteilung des Direktors, sondern auch auf Gutachten von außerhalb. So erstellte der Fachberater des Ministeriums für katholische Religion an den Gymnasien auf Grund schriftlicher Hausarbeiten von Offergeld-Schülern ein 21-Seiten-Ferngutachten, in dem es heißt: "Der Beamte erwartet offenbar von dem Dreigestirn Neopositivismus, Sexualismus und Marxismus das Heil der Welt." Außerdem erhebt er den Vorwurf, daß in den Arbeiten von Gott nie die Rede sei. Dazu meint der liberale Professor Günter Stachel aus Mainz in einem Gegen-Gutachten: "Religionsunterricht, in dem Gott oder Jesus Nazareth nicht erwähnt werden, ist gegenwärtig in den erwähnten Jahrgängen dominant. Insofern kommt eine Beurteilung oder Verurteilung des Herrn Offergeld einer Be- oder Verurteilung der gegenwärtig dominierenden Form des katholischen Religionsunterrichts vom 7. bis 13. Schuljahr gleich." Und er schließt mit den Worten: "Der Fall Offergeld ist weniger ein religionsdidaktischer als vielmehr ein politischer Fall. Angehörige der linken SPD sind offenbar im bayerischen Schuldienst unerwünscht. Die Kirche und deren Vollstrecker sollten sich nicht zum Vollstrecker einer solchen politischen Absicht gebrauchen lassen." Wenn die Kirche sich mit dem Kultusministerium gleichschaltet, kann sie Offergeld die missio canonica entziehen. Zu Mitte Mai ist er bereits ins Münchner Ordinariat bestellt, um dort Rede und Antwort zu stehen.

Die Schüler seiner Klasse haben Partei für Offergeld ergriffen, die Eltern ebenfalls. Im zwölfköpfigen Elternbeirat ist nur eine Minderheit für Offergeld eingetreten; offiziell wurde der Fall in diesem Gremium nie behandelt. Die der CSU nahestehende Schülerunion, die an der Schule eine starke Mitgliederriege hat, nimmt Offergeld bisher noch in Schutz. Allerdings unterscheiden die rechten Schüler zwischen Offergelds pädagogischen Talenten und seinen politischen Ansichten, von denen sie sich distanzieren.

Am 1. Juli steht Offergeld ohne eine Mark auf der Straße. Daß die GEW ihm Rechtsschutz gewährt, ist seine Rettung. Der Streit wird an die Gerichte gehen, und das kann zwei, drei Jahre dauern. Was Rüdiger Offergeld nebenbei ärgert: Der Entlassungstermin wurde so geschickt gewählt, daß er zwar noch die Arbeiten für die Zeugnisse machen muß, aber im Juli, wenn in der Schule nicht mehr viel passiert, schon vor der Türe steht. Geld für die Ferien hat er dann auch nicht mehr.

Aber was sein Fall am Ende und vor allem beweist: Es ist nicht nötig, linke Lehrer zu Radikalen zu erklären, wenn man sie vorher pädagogisch abserviert. Das Beamtenrechtsrahmengesetz reicht offenbar völlig aus. Der Radikalenerlaß ist in Bayern gar nicht nötig.