Von Dieter Buhl

Noch bis vor kurzem war Mobilität ein Synonym für erfrischende Beweglichkeit, für Tatendrang und Fortschrittsfreude. Heute, da sich mehr bewegt, als vielen von uns lieb ist, weckt das Wort auch unerfreuliche Assoziationen. Selbst in Amerika, das allezeit als Zentrum des Mobilen galt, wächst der Ruf nach etwas weniger Unrast. Vance Packard, der große amerikanische Humanist moderner Prägung, der schon "Die geheimen Verführer" ans Tageslicht zerrte und "Die sexuelle Verwirrung" brandmarkte, hat die Ursachen der heutigen Mobilität untersucht und bietet auch gleich eine Therapie für deren verheerendste Folgen an:

Vance Packard: "Die ruhelose Gesellschaft"; Econ Verlag GmbH, Düsseldorf/Wien 1973; 368 Seiten, 26,– DM

Nach guter amerikanischer Reporterart hat Packard zunächst einmal viele Fakten zusammengetragen, Zahlen auch, deren Monstrosität selbst die mobilsten Geister schocken müssen: Jeder Amerikaner zieht in seinem Leben mindestens 14mal um, 40 Millionen amerikanische Bürger, fast ein Fünftel der Gesamtbevölkerung, wechseln im Jahr ein- oder mehrmals den Wohnsitz. Als Maßstab für die inneramerikanische Völkerwanderung nennt der Autor die Zahl von einer Milliarde Dollar, die US-Firmen jährlich für die Umzüge ihrer Angestellten ausgeben.

Amerika – eine Nation von Nomaden? Vance Packard bejaht diese Frage, und er stellt eine Entwicklung an den Pranger, die bislang von den meisten Amerikanern als ein besonders lobenswertes Phänomen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gewertet wurde. Eine Analyse des weitverbreiteten Wandertriebes erbringt freilich weniger positive Erkenntnisse über den Seelenzustand der Mobilen.

Packard nennt als Motive Abenteuerlust (die auch er in den meisten Fällen noch zu den lobenswerteren Eigenschaften zählt), Existenzangst, Aggressivität, Unrast, Wurzellosigkeit, vor allem die Überreizung durch die Überflußgesellschaft. Die wachsende materielle Unabhängigkeit zumindest bestimmter amerikanischer Kreise – Packard zählt die Selbständigen und höheren Angestellten zu den bei weitem bewegungsfreudigsten – weckt die Sehnsucht nach immer neuen, scheinbar besseren Wohnorten. Ein Journalist beschreibt an Hand der suburbs in der Millionenstadt Cleveland, wie leicht es den Amerikanern gemacht wird, laufend andere Ziele ihrer Sehnsucht anzuvisieren: "Hier gibt es eine Vorstadt für jede ethische Gruppe, jede Einkommenskategorie, jeden Geschmack und jedes Vorurteil."

Suburbia mit seinen synthetischen Zentren un" seiner Anonymität ist nach Packard auch der Tummelplatz der Wanderwohner. Hier ist das Wechselspiel der Nachbarn Routine, und die aus dieser Situation entstehenden Nachteile sind unübersehbar: Einsamkeit, physische und psychische Krankheiten und Zerstückelung der Gesellschaft