Bekannt war er schon im vorigen Jahr. Doch da stand er etwas im Schatten von Jochen Mass. Mass, so meinte man vor Jahresfrist, sei der beste deutsche Automobilrennfahrer. Inzwischen jedoch ist auch Hans-Joachim Stuck junior der ganz große Durchbruch im internationalen Automobilrennsport gelungen. Innerhalb von wenigen Wochen machte der Grainauer von sich reden: Zuerst siegte er Mitte März beim ersten Lauf zur Formel-2-Europameisterschaft in Barcelona, dann folgte ein überraschender fünfter Rang beim Grand Prix von Südafrika, und am ersten April-Wochenende zeigte er vor heimischer Kulisse auf dem Hockenheimring der Konkurrenz, wer Herr im Hause der Formel-2-Meisterschaft ist.

Es gehört schon einiges dazu, das zu erreichen, was Hans-Joachim Stuck heute ist. Mit nur 23 Jahren ist er Spitzenreiter im Formel-1-Werkteam von March und dazu Fahrer Nummer eins in der Formel-2-Mannschaft derselben Firma. Es gibt nur wenige andere Rennfahrer, die vor Stuck mit 23 in Grand-Prix-Wagen gesessen haben: Bruce McLaren, Chris Amon, Jacky Ickx und Jody Scheckter, um die wichtigsten zu nennen. Nur einem gelang es, schon mit 22 den ersten GP-Sieg herauszufahren: Der Neuseeländer, Bruce McLaren siegte als bislang jüngster Pilot in der Geschichte des Automobilsports 1959 auf einem Cooper in Argentinien. Jacky Ickx aus Belgien war immerhin schon 23, als er seinen ersten GP-Sieg herausfuhr: 1968 in Frankreich.

Nun, Hans-Joachim Stuck hat gute Chancen, es Ickx gleichzutun. Er, dessen Monoposto-Einsätze im internationalen Autosport sich Ende 1973 noch an den zehn Fingern abzählen ließen, bekam im Dezember des letzten Jahres die überraschende Offerte von March-Chef Max Mosley, als Teamleader einen der dunkelgrünen March 741 aus Bicester zu steuern. Dabei hatte es nach Abschluß der letzten Saison zunächst so ausgesehen, daß der Franzose Jean-Pierre Jarier, 1973 frisch gebackener Europameister der Formel 2 auf einem March, als Spitzenfahrer bei March fungieren sollte. Und in der Tat, Jarier war vertraglich noch mehrere Jahre an die Engländer gebunden. Doch der Franzose konnte es nicht übers Herz bringen, ein überaus lukratives Angebot des amerikanischen Shadow-Teams abzulehnen. Es kam zum Bruch mit March; Jariers Platz war frei.

Bald folgten nicht nur gute Leistungen, sondern auch die entsprechenden Plazierungen: Fünfter in seinem dritten GP, Südafrikas und die beiden gewonnenen Formel-2-Europameisterschaftsläufe. Die Zuschauer in Hockenheim konnten sogar erleben, daß die Überlegenheit des Gespanns Stuck-March das Rennen nach Ausfall von Stucks Markengefährten Depailler zu einer recht langweiligen Angelegenheit werden ließ.

Hans-Joachim Stuck ist ein Profi, wie er im Buche steht. Außer dem Rennfahren hat er nichts gelernt, das dafür aber gründlich. Dies ist kaum verwunderlich, denkt man daran, daß sein Vater, Hans-Joachim Stuck senior, vor dem Krieg und in den Jahren danach einer der besten Rennfahrer der Welt gewesen ist. Hätte es in den Vorkriegsjahren eine Weltmeisterschaft gegeben, Stuck senior hätte zweimal den-Titel gewonnen. Wie gekonnt der heute jährige auch in späteren Jahren noch Autos bewegen konnte, beweist, daß er mit 61 Jahren noch Deutscher Bergmeister mit einem BMW-Coupé werden konnte.

Talent und Können des Vaters scheinen sich auf den Sohn vererbt zu haben. Beziehungen des Vaters waren es aber auch, die dem Junior den Weg entscheidend geebnet haben. Er macht keinen Hehl daraus, daß er es leichter hatte als andere: "Durch die Beziehungen meines Vaters konnte ich immer gleich Werkswagen fahren."

Angefangen hat es, als Stuck junior ganze elf Jahre alt war. Zu dieser Zeit nahm ihn sein Vater mit zu seinen letzten Rennen; wen wunden es, wenn der Sohn vom Rennfieber angesteckt wurde. Und als der Elfjährige dann vom Vater einen selbstgebauten Go-Kart bekam, waren die Weichen für die Zukunft gestellt. Er erzählt: "Hinter unserem Haus gab es einen Wald. Eines Tages rodeten amerikanische Soldaten mit ihren Bulldozern einige Schneisen in den Wald; ich hatte meinen privaten Nürburgring." Er übte jeden Tag; und er übte gut. Mit 18 machte er seinen ersten Rennfahrerkurs auf dem Nürburgring mit, wobei er Hans-Peter Koepchen, einen bekannten BWM-Tuner so beeindruckte, daß dieser ihm gleich ein Auto für ein Rundstreckenrennen anbot. Der Erfolg: dritter Rang im ersten Rennen.