Von Ute Bleich

Was wird in der Schule gemacht? Menschen. Wie nennt man diesen Vorgang? Erziehung. Wie heißt das Werkzeug dazu? Information. Wer formt es? Der Zweck. "Ein Werkzeug ohne Zweck gibt es nicht. Es gibt keine Information ohne Zwecke."

Diese Zusammenfassung dessen, was Erziehung sein soll, findet sich in E. A. Rauters Traktat für Kinder "Wie eine Meinung in einem Kopf entsteht" (1971). Kinderbücher sind zweifellos solche "Instrumente". Heimlich oder auch gar nicht heimlich liefern sie Anschauungen von der Welt. Seit Jahren polemisiert die linke Kritik gegen die Weltanschauungen, die der überwiegende Teil der Kinderliteratur vermittele. Statt präziser Ansichten der Wirklichkeit gäben hier bürgerliche Phantasten den Kindern verquaste Traumideologien: Flucht in die Drolerie, ins Surreale, ins Ästhetische. Poetische Träumer verdeckten mit Silberrandwolken die Wirklichkeit. Sie schwätzten von Apfelschimmeln und meinten die Reaktion.

Zum Schlachtefest der blauen Elefanten, zum Bildersturm gegen bürgerlichen Kitsch (zu dem auch etwa die Kinderbücher von Eugène Ionesco oder Peter Bichsel gezählt werden) riefen auch Otto F. Gmelin ("Böses kommt aus Kinderbüchern", 1972) und Melchior Schedler ("Schlachtet die blauen Elefanten!", 1973) auf. "Im Kinderbuch werden die Konflikte zwischen Erwachsenen und Kindern gelöst auf Kosten der Kinder", resümierte Beate Scheunemann im "Kursbuch 34", erschienen im Dezember 1973, dessen lapidarer Generaltitel "Kinder" hieß. Beate Scheunemann tadelte das Sirenengeschwätz von Aufstieg und Belohnung, die repressive Traumwelt, die Lektüre als Droge, die fiktive Wunschbefriedigung, mit der man Kinder bequem am Gängelband halte. Auf den roten Index gerieten Pinocchio, Robinson Crusoe, Nils Holgersson, Max und Moritz, Pünktchen und Anton, Emil und die Detektive.

In jüngsten Dokumentationen und Sachbuch beiträgen wie "Die heimlichen Erzieher" (1974), "Das politische Kinderbuch" (1973), "Das proletarische Kind in der bürgerlichen Gesellschaft" (1974) stellt sich so etwas her wie Revolutionsnostalgie. Erziehung: sie vollziehe sich zuallererst im Widerspruch von Herrschafts- und Emanzipationsinteressen in der Klassengesellschaft (Dieter Richter). Dagegen soll die politische Erziehung durch das Kinderbuch das unterdrückte, beleidigte und erniedrigte Kind abschaffen. Die intakte Kinderwelt wird als bürgerliche Phrase denunziert, unpolitische, tendenzfreie Erziehung als spezifische Form der Tendenz enthüllt. "Jede Art von Erziehung ist einer Klasse dienstbar" (Otto Felix Kanitz).

Struwwelpeter bleibt, so gesehen, die klassisch bürgerlich-repressive Erfindung, den Kindern Angst einzujagen. Im Rückgriff auf Argumentation und Beispiele der zwanziger Jahre benutzen einige Autoren der "Heimlichen Erzieher" ihren Hoernle, Kanitz, Liebknecht, ihre Zetkin oder Luxemburg wie Gebrauchtmöbel, die man überall hinstellen kann – auch wenn sich die Einrichtung sonst sehr geändert hat.

Gmelin plädiert für einen Kulturkampf im Umfeld des Kindes "zugunsten jener wirklichen politischen und ökonomischen Welt, in die diese Kinder hineinwachsen". Als Alternative zu "religiös aufgeschwemmten Texturen" empfiehlt er Kindern von fünf bis fünfzehn die Geschichte von Poppie Höllenarsch.