Von Theo Sommer

Am 23. April 1973 hielt Henry Kissinger, damals noch Sicherheitsberater im Weißen Haus, beim Jahresessen der Associated Press in New York eine Ansprache, deren Bedeutung der Publicity-Apparat Washingtons alsbald als säkular anzupreisen begann. Er verkündete, es sei Präsident Nixons Absicht, das Jahr 1973 zum "Jahr Europas" zu machen, "persönlich und direkt" mit den europäischen Staatsmännern "das Fundament einer neuen Ära der Kreativität im Westen zu legen" und bis zum Jahresende, wofür Nixon nach Europa zu kommen gedenke, in "einer neuen Atlantikcharta die Zukunftsziele zu fixieren".

Zwölf Monate nach jenem rhetorischen Brillantfeuerwerk (und knapp sieben Monate, nachdem Kissinger das US-Außenministerium übernommen hat) sind die amerikanisch-europäischen Beziehungen auf einem Tiefpunkt angelangt. Das Jahr 1973 wurde zum Jahr einer beispiellosen transatlantischen Krise – mehr das Vorspiel einer Scheidung als der Auftakt zur Silberhochzeit. Und im Jahre 1974 arteten die Meinungsverschiedenheiten in eine erschreckende Eskalation von gezielten Bosheiten, Beleidigte-Leberwurst-Attitüden und Unfähigkeit zur vorwärtsblickenden Zusammenarbeit aus.

  • Richard Nixon ist 1973 nicht nach Europa gekommen. Anfang April fand er sich zwar zur Trauerfeier für Pompidou in Notre Dame ein, aber zu einem Gipfeltreffen mit seinen europäischen Partnern mochte er sich nicht einmal zum 25. Gründungstag des Nordatlantikpaktes verstehen.

Die Idee einer neuen Atlantikcharta – ein großspurig und nicht eben glücklich gewähltes Etikett für eine neue atlantische Gründungsakte – ist rasch fallengelassen worden, Über drei Dokumente – Beziehungen in der Nato, Beziehungen Europäische Gemeinschaft–Vereinigte Staaten, Beziehungen von EG und USA zu Japan – ist lange verhandelt worden; im Augenblick herrscht eher Funkstille. Im Februar schon war das Dokument über das europäisch-amerikanische Verhältnis bis auf die beiden Absätze "Energiepolitik" und "Entwicklungshilfe" fertig ausgehandelt – aber in einer Anwandlung von Ärger über die Europäer stellten die Amerikaner im März die Mitarbeit daran ein. Das Ansinnen Washingtons, dann doch wenigstens die Nato-Deklaration zu verabschieden, wurde selbst in pro-amerikanischen Hauptstädten als Zumutung empfunden.

In der Nahostkrise ging die Kunst der Partnerschaft fast völlig verloren – kaum ein Schritt einer Seite, der nicht die andere zutiefst verbitterte. Von gegenseitiger Information zur rechten Zeit war selten etwas zu bemerken, geschweige denn von Konsultation – im Yom-Kippur-Krieg nicht und nicht in der Energiepolitik, weder gegenüber den Arabern noch gegenüber Israel.

Wie Schakale