Von Rolf Michaelis

Zeit des Abschieds. Buñuels jüngster Film windet einen Trauerkranz schöner Bilder dem "Diskreten Charme der Bourgeoisie"; Jürgen Beckers Gedichtband dieses Frühjahrs verkündet "Das Ende der Landschaftsmalerei"; Peter Handkes neues, sein neuntes Stück klagt schon im Titel: "Die Unvernünftigen sterben aus." Handke stimmt an das Requiem für einen Überlebenden. "Ich habe das Gefühl, der einzig Übriggebliebene zu sein", bekennt die Hauptfigur, die immer wieder Augenblicke radikaler Einsamkeit" erlebt oder beschreibt und erkennt: "Ich weiß, daß meine Zeit vorbei ist." Und wie zur Bekräftigung dieser Einsicht nimmt der "Held" einen Anlauf und rennt so lange gegen einen Felsen, bis er tot liegenbleibt.

Mit diesem Kopf-durch-die-Wand-Akt der Unvernunft – einer der wenigen theatralischen Aktionen in diesem Konversationsstück – stirbt der Unvernünftige dieser Tragödie in Form einer Salonkomödie und macht seinen Namen, Hermann Quitt, wahr: Er ist quitt mit der Welt ("Wo man früher das Ganze erblicken wollte, sehe ich jetzt nichts als Einzelheiten"), quitt mit sich ("Ich spiele ja nur noch an auf Vergangenes, erzähle alles ernst Gemeinte sofort als Witz, eigene Lebenszeichen rutschen mir höchstens heraus").

Hermann Quitt, obwohl auch Unternehmer, ja gerissener Großunternehmer, bekommt im Personenverzeichnis vom Autor nicht, wie die Freunde und Mitspieler, das Erkennungsschildchen "Unternehmer" angeheftet. Wer als erstes Wort sagt: "Ich bin heute traurig" und damit den elegischen Grundton des Spiels anschlägt, zählt schwerlich zu den von der eigenen und der Konkurrenten Aktivität gehetzten Wirtschafts-Bossen, die sich alles leisten können, nur kein Gefühl, nur kein Selbstmitleid oder gar Nachdenken über die eigene Stimmung. "Sie müssen vernünftig bleiben, Herr Quitt", mahnt denn auch gleich zu Beginn der Diener Hans ("Vertrauter" nennt ihn das Personenverzeichnis, ganz im Stil der alten Komödien): "In Ihrer Klasse können Sie sich solche Zustände nicht leisten." Und der Unternehmer-Kollege von Wullnow muntert den über den Markt hinaus an sich selbst als an ein fühlendes Ich denkenden Quitt auf in dem ihm eigenen Kasino-Ton: "Vergiß deine spätzeitliche Sensibilität. Sensibel ist für mich ein Wort auf Verhütungsgummis".

Das also unterscheidet Quitt von den auf ihre Funktion reduzierten Vertretern seiner Klasse, daß er solche Einengung nicht will, ja, sie als Verkrüppelung erkennt. Noch gegenüber dem von ihm, dem Großaktionär und Aufsichtsratsvorsitzenden, abhängigen Kleinaktionär Kilb, der denn auch buchstäblich in der Umarmung durch das in Quitt verkörperte Großkapital verröchelt, fühlt Quitt sich "eng in meiner Haut und merke, wie begrenzt ich bin". Er überschreitet alle Grenzen: die des Marktes, indem er die Kollegen Konkurrenten ruiniert; die des eigenen Lebens, indem er sich an der Wand zum Jenseits den Kopf einrennt.

Auch wenn Handkes Text den Unternehmer Quitt als Symbolgestalt für alle vorstellt, "die etwas unternehmen, für die Beweger", die Verursacher, die auctores, die Autoren in umfassendem Sinn, verweist der leere Raum hinter dem Namen Hermann Quitt im Personenverzeichnis darauf, daß da schlicht stehen könnte: Mensch, Jedermann. Und wie die barocken Parabelspiele vom "Sterben des reichen Mannes" zeigt auch Handkes Stück, das verzweifelte Traurigkeit unter witzigem, ironischem Parlando versteckt, nichts anderes als das Sterben eines Mannes, dessen widersprüchlich lebendige Menschlichkeit gerade darin zum Ausbruch kommt, daß er in einer von Computern gesteuerten, nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage ausbalancierten, nach der Vernunft der Ökonomie eingerichteten Welt "unvernünftig", sprich menschlich zu sein wagt.

"Die Hölle, das ist für mich das sogenannte Preiswerte Nur der äußerste Luxus ist menschenwürdig, das Preiswerte ist das Unmenschliche" – mit solchen Sätzen sagt Quitt sich los nicht nur von der besitzenden Klasse, sondern überhaupt von der so unvollkommen eingerichteten Menschenwelt. Denn daß durch die von anarchischen oder revolutionären Taten faselnden Besitzlosen die Welt besser oder auch nur anders werden könnte, glaubt ein Quitt nicht: "Während die einen Monster entzaubert werden, rülpsen vor dem Fenster schon die nächsten." Der Kleinaktionär Kilb, der als lustige Schmarotzerfigur der alten Komödie bei Quitt eindringt, glaubt, das ihm undurchschaubare System der Kapitalwirtschaft sei an einzelne Personen gebunden,