• Fortsetzung nächste Seite
  • Fortsetzung von Seite 17

weshalb er als "letzten Ausweg" Quitt umbringen will. Der Diener Hans, klüger, zynischer, bereitet sich durch imitatorische Übungen auf die Übernahme der Macht vor. Durch Anpassung zum Erfolg: "Ich werde das Filet besonders zärtlich braten, in Gedanken, daß es für mich selber übrigbleiben wird."

In Stifters Novelle "Der Hagestolz" (1850), aus der er sich zu Ende des ersten Bildes vorlesen läßt, findet Quitt in den Worten des verbitterten, ungeliebten alten Mannes die Bilanz auch seines Lebens: "... weil man so viel versäumt hat. Ich habe vieles und allerlei getan und habe nichts davon. Alles zerfällt im Augenblicke..." Quitt saugt aus solchen Sätzen nicht den Sirup der Resignation, sondern schöpft aus ihnen Energie zu seiner letzten, ganz großen Aktion: "Ich möchte, daß es sich, wenn auch ein letztes Mal, um mich handelt, und nur um mich." In der plötzlichen Einsicht: "Ich habe noch nichts von mir gehabt", setzt er sein "altmodisches Ich-Gefühl als Produktivmittel ein" – und ruiniert alle anderen Unternehmen, aber auch sich selbst. Denn der große Anlauf, der ihn über die Grenzen der Marktgesetze hinwegtragen und sein Ich endgültig befreien sollte, wirft ihn nur um so heftiger zurück in den Käfig des Kapitals. Ein anderer König Midas, wird ihm alles zu Gold, was er anfaßt. Auf ewig wird Geld an seinen Fingern kleben. Die Vision vom freien Individuum, Quitts romantischer Traum vom Glück ("Und mein Kapital das werde nur ich sein, ich allein") endet mit bösem Erwachen, aus dessen Unerträglichkeit Quitt in den Tod flüchtet.

Die Uraufführung im Theater am Neumarkt in Zürich verstellt den Zugang zu diesem Stück, das seine gedanklich und dramaturgisch einfache Struktur unter einem Rankenwerk schöner poetischer Rätsel verbirgt eher, als daß sie ihn eröffnete. Horst Zankl läßt sich durch die Tatsache, daß Handkes Hauptfiguren Unternehmer sind, dazu verführen, das Spiel als gesellschaftskritische Bloßstellung des kapitalistischen Wirtschaftssystems mißzuverstehen. Auf der von Ambrosius Humm ganz mit weißem Fell ausgeschlagenen Bühnen-Schräge, um die ein pelzverkleidetes Sitzmäuerchen führt, agieren dämonisierte Hampelmänner, Marionetten des Marktes. Geschminkte Halbmasken verzerren die Gesichter: Raubvögel und Vampire stehen auf der Lauer. Schwere Stiefel mit Brikett-Sohlen stellen die Halbgötter des Kapitals auf den Kothurn. Dunkle Brille, blaue Lippen, Nadelstreifenanzug oder strenge Stilisierung in Röbi Borers Kostümen auf Schwarz-Weiß-Effekte wecken, zusammen mit helmartigen Perücken, Assoziationen an Mafia-Bosse oder Dress-Men aus der Science-Fiction-Überwelt.

Anstatt ein Spiel, das mit poetischen Wendungen, subtilen persönlichen Beobachtungen, psychologischen Protokollen und verschlüsselten Anspielungen ins Allegorische und Gleichnishafte zielt, auf den Boden der Wirklichkeit zu holen, stilisiert Zankls Einstudierung Handkes Stilisierung noch einmal – und entfernt so das Stück aus unserer Welt, aus unserem Interesse. Dabei hat Handke versucht, die vier Kapitäne des Kapitals, die doch nur Folie für den Ich-Träumer Quitt sind, soziologisch und sprachlich in deutscher Realität zu verwurzeln. Harald von Wullnow (Michael Maassen) ist der ältere, ostelbische Junker, cholerisch, mit sentimentalem Einschlag, unsicher im neuen Gewerbe, deshalb immer in die Erinnerung an die ländlich patriarchalische Vergangenheit tauchend. Berthold Koerber-Kent (Jörg Holm) ist im Gegensatz zu Wullnow kein offener Kämpfer; Priesteramt und Profitgier liegen zwar für ihn nicht im Streit, müssen aber nach außen hin mit Salbaderei und frommem Augenaufschlag in Einklang gebracht werden. Der milden Karikatur von Gestalten, wie man sie allenfalls im CDU-Wirtschaftsrat suchen würde, steht Paula Tax (Hertha Schell) gegenüber, deren "vernünftige" Reden von Mitbestimmung, Verantwortung der Arbeitnehmer, Besitzbeteiligung, denen Taten nicht folgen müssen, sie in die Nähe der Gewerkschaft rücken. Reiner, ideologisch und intellektuell unbelasteter Funktionär der Produktion von Profit ist Karl-Heinz Lutz (Eckehard Volling). Norbert Schwientek widersteht nicht immer der Versuchung, Quitts Sehnsucht nach dem anderen, Höheren als geheuchelte Arien zur Täuschung der Konkurrenz zu singen. Die Mittelpunktsfigur – und mit ihr das Stück – kann leben jedoch nur, wenn Quitts Lebensüberdruß, Daseinsekel und die Langeweile beim ständigen Blicken auf das sich selbst vermehrende Geld ernst genommen werden. Nach der vierstündigen Aufführung raffte sich ein ratloses Publikum zu Achtungsbeifall auf.

Obwohl Peter Handke mit dem neuen Stück nach experimentierenden Spielen zurückzukehren scheint zu traditionellen Formen des illusionistischen Theaters (Gesellschaftskomödie, Konversationsstück), ist die Tragikomödie, wie die meisten früheren Stücke, ein elegisch getönter Monolog, aufgebaut in zwei, durch die Intensität der Wiederholung gegliederte fast gleiche Teile, in denen ein Ich sich selbst befragt, sein Leiden an sich und der Welt ausspricht. Ein rigoros individualistisches Spiel also auch hier, das rasch auf die zentralen Themen von Handkes Denken und Empfinden kommt: Tod, Unmöglichkeit, sich anderen mitzuteilen. Die Frage aus Handkes Fernsehfilm "Chronik der laufenden Ereignisse" (1971), die seither für den Autor immer stärkeres politisches Gewicht gewonnen hat: "Wie also soll man leben?" stellt unausgesprochen auch das neue Spiel. In seiner Rede zur Verleihung des Büchner-Preises vor einem halben Jahr hat Handke das Problem für sich benannt als das Dilemma zwischen poetischer und politischer Existenz.

Da das Stück auch als Antwort Handkes an seine linken Kritiker verstanden werden kann, sind so, vielleicht, die Unternehmer ins Drama gekommen. Als Unternehmer sind sie weder originell noch überzeugend. Lauter kleine Handkes. Sie denken, fühlen, reden (meistens) wie Handke, also mit einer Sensibilität, wie sie bei Leuten nicht alltäglich ist, die eher mit dem Zinsals mit dem Versfuß auf gutem Fuß stehen. Das Misch-Stück, das als Lautsprecher für die Vertrauten Befremdungserlebnisse eines klug formulierenden Schriftstellers ausgerechnet Unternehmer wählt, ist wichtig für Handkes Entwicklung, kaum aber für das Theater.