ZDF, Montag, 22. April: "betrifft: Fernsehen. Wie man Nachrichten an den Mann bringt", von Michael Mrakitsch und Jutta Szostak

Die bisherigen Versuche der Fernsehanstalten, ihr Medium zum Gegenstand analysierender Sendungen zu machen, vermiesten dem Zuschauer die Lust daran gründlich. Da saßen plötzlich in allen Kanälen sehr ernsthafte Menschen mit erhobenem Zeigefinger und dozierten über Transparenz und Feedback, Mediendidaktik und die intramediäre oder schlichte Selbstkritik und erklärten den Fernsehern endlich, was Fernsehen ist.

Die Leute sprachen zum Publikum und meinten sich selbst, ihr Medium, den "Apparat", und der reagierte prompt mit äußerster Reserve oder mit Behinderungen oder gar, wie das einige Programmgewaltige in der ARD-Broschüre "Schlagwort: Transparenz" taten, mit üblen Denunziationen der "Selbstdarstellungsfetischisten". Aber man muß es leider sagen: Von wenigen Ausnahmen abgesehen, blieb die Selbstreflexion des Fernsehens via Fernsehen im Stadium bemühter Seminararbeiten stecken.

Deshalb war man dankbar über den gelungenen Start der ZDF-Serie "betrifft: Fernsehen" von Helmut Greulich und Joachim Obst vor einem Monat. In der zweiten Folge nun hatte sich das Autorenteam Jutta Szostak und Michael Mrakitsch das bei den Zuschauern populärste, bei Theoretikern und Kritikern umstrittene Fernsehgenre vorgenommen, die Nachrichten. Ich bezweifle, daß Zuschauer, die die Sendung gesehen haben, künftig bei "Tagesschau" und "heute" auch nur einen Augenblick einhalten, skeptisch werden, genauer und kritischer hinhören, aufgeklärter hinsehen, eine Machart durchschauen, eine visuelle oder sprachliche Fragwürdigkeit erkennen werden; daß die Sendung auch nur ansatzweise ihrem Anspruch gerecht wurde, das Fernsehen ein wenig transparenter zu machen.

Erstes Bild: die zwei Autoren am Tisch, jeder einen Zettel vor sich, redend – kein glücklicher Start, sondern eine Notlösung, schlimme Erinnerungen an frühere fernsehanalytische Versuche weckend. Und im Reden gleich dieser unangenehme, belehrende Oberlehrer-Ton, Überlegenheit ausdrückend und Zudringlichkeit, eine etwas vorwurfsvolle, etwas verbiesterte Mäkelei. So wurden nicht Vertrauen und Interesse geweckt, sondern eher Abneigung provoziert.

Didaktisches Ungeschick kennzeichnete das Vorgehen des ganzen Berichts: dauernd Zwischentitel und Inserts, die man sofort wieder vergaß, Einblendungen in Redaktions-Diskussionen, die zusammenhanglos blieben, eine Fülle von Thesen und Begriffen, immer nur kurz angerissen, nie definiert, erklärt, belegt, fortgeführt; ab und zu Szenen vom hektischen Betrieb vor, während und hinter den Kulissen der "heute"-Sendung, hübsch anzusehen, aber leider nicht analysierend und dekuvrierend. Permanent verfielen die Autoren, die sich viel zu oft selbst ins Bild setzten, in jene Fehler, die sie in den Nachrichtensendungen aufdecken wollten.

"Wir können nicht werten, wir haben nur zu berichten" – "Da läßt sich optisch nicht so viel rausholen" – "Wir müssen täglich vier Sendungen in die Luft blasen, da bleibt nicht viel Zeit für die Reflexion": schöne Zitate von Nachrichten-Redakteuren, bei denen man sofort hätte nachhaken müssen. Statt dessen ließ das Autorenpaar einen beliebigen Katalog von Behauptungen folgen, unbefriedigend, weil fast nie verifiziert, und oft waren es nichts als Binsenwahrheiten: Dem Fernsehen gelinge es selten, Wirklichkeit zu vermitteln, zeige nur ihr Abbild; Katastrophen und Sensationen würden der Darstellung gesellschaftlichen Zustände vorgezogen; Sprache sei nie neutral, sondern fungiere als Träger von Absichten und Meinungen; Meldungen blieben isoliert von ihrem Zusammenhang und Hintergrund; die Nachrichtensendungen klärten nicht auf, sondern protokollierten nur (schön wär’s!), betrieben eine ungute Personalisierung und Autoritäts-Hörigkeit; und überhaupt lasse sich das Weltgeschehen nicht in fünfzehn Minuten berichten. Lauter sensationelle neue Erkenntnisse!