Das ist längst kein Geheimtip mehr, das ist eine Sache von internationaler Anerkennung: Den spannendsten Abend bei Leipzig-Aufenthalten erlebt man in der "Pfeffermühle", in jenem Kabarett, das nun seit genau zwanzig Jahren den gleichen Namen trägt wie das Züricher Brettl der Dreißiger.

Allabendlich gegen 19 Uhr setzt ein Run ein auf die Toreinfahrt eines der alten Häuser gegenüber der Thomaskirche, wo im hinteren Hof der Eingang ist zum geräumigen freundlichen Keller des satirischen Etablissements. Da trifft man sich an der Kasse oder im kleinen Büfettraum: der Kritiker aus München, der Lyriker aus Ostberlin, der Werbeboß aus Frankfurt am Main und der Feuilletonredakteur aus Frankfurt an der Oder, und ein paar Einheimische gibt es auch. Hier trifft man sich auf der Jagd nach der heißesten Ware, die zur Messe zu haben ist: Eintrittskarten für die "Mühle". Mancher von den Stammgästen hat auch schon "seinen" Kabarettisten, den er vorher telegraphisch um eine Karte gebeten hat oder den er nun, vor der Vorstellung, direkt angeht; aber da es immer mehr Stammgäste und immer nur die gleiche Zahl Kabarettisten sind, ist zumindest die Frage: wie bringen wir alle unter? eine, die mit den Jahren nicht leichter lösbar wird. Und unter den Wartenden die journalistischen Neulinge, die Leipzig-Debütanten, die nun endlich einmal die Westneugier befriedigt haben wollen, wie weit Satire in der DDR "Ventilcharakter" hat und wie weit sie "dagegen" sein darf und wie es überhaupt um den Spielraum bestellt ist.

Und wenn das Programm dann begonnen hat, passiert jedesmal das gleiche: Die Neuen kommen vor Staunen nicht zum Lachen, vor Mitschreiben nicht zum Klatschen, und vor verblüffter Begeisterung vergeht ihnen das vorgefaßte Frageschema. Diese Verblüffung hat sogar mehrere Stationen: Zuerst ist man überrascht, wie viel die Kabarettisten riskieren, dann entdeckt man, daß es überhaupt kein Risiko gibt, und am Ende weiß man nicht recht, ob das Riskante der Darbietung nicht gerade darin liegt, so zu tun, als gäbe es keins. Wem das zu tüftelig ist: In der "Pfeffermühle" bekommt man in zwei Stunden ein DDR-Bild, das ein Großteil der gängigen West-Schablonen zerstört. Man kann sogar weitergehen und sagen: Der Keller dieses Kabaretts ist eine der besten Ausgangspositionen, will man ostdeutsche Verhältnisse vorurteilsfrei und ganz konkret kennenlernen. Und eine günstige Gelegenheit für den, der sich aktuelle gesellschaftspolitische Themen etwas verständlicher als in Parteitagsbeschlüssen und Leitartikeln des "Neuen Deutschland" gesagt sein lassen will. Wer hier herauskommt, weiß über Leben und Leute in der DDR mehr, als er sich in vielen Interviews zusammenfragen kann.

Ein Thema der Programme in den letzten Jahren war der von Honecker auf dem VIII. Parteitag angesagte Kampf gegen parasitäre und bürokratische Kräfte (wie er zur Zeit übrigens auch in einigen anderen Ländern des Ostblocks geführt wird). Dazu zählt auch eine gewisse Schicht der vom DDR-Sozialismus schon selbst mitbeförderten Privilegierten. Es handelt sich dabei nicht nur um einen ideologischen Rückgriff auf die "Arbeiterklasse", sondern muß auch als Initiative zu größerer sozialer Gerechtigkeit verstanden werden. Szene im Kabarett: Ein Prominenter bittet einen Mann der Baubehörde um die Genehmigung zu einem Umbau; der, dienstfertig, schlägt vor, doch gleich Nägel mit Köpfen zu machen: Wenn schon bauen, dann doch gleich dieses und jenes noch dazu, das nötige und beste Material werde zur Verfügung gestellt, aber klar doch. Dann kommt zum gleichen Beamten ein "kleiner Mann", wegen eines Schuppens für sein Moped. Und auf einmal ist der vorher Zugängliche so eklig, daß man nicht einmal sagen kann, er komplimentiere den Antragsteller hinaus. Die Skepsis, die den westlichen Zuschauer anfällt, wird oben prompt ausgesprochen: Ob es denn wirklich noch so Typen gäbe, die mit zweierlei Maß messen? Ein Spieler zeigt ins Publikum und sagt: "Dann frag mal die da unten." Hart, laut, leidenschaftlich setzt der Beifall ein. – Ob denn, so wird auf der Bühne räsoniert, der wirtschaftliche Aufstieg des letzten Jahrzehnts auch gleichmäßig zugute gekommen sei? Die Arbeiterklasse, lautet die Antwort, halte sich mehr an die Ideologie, "aber einen wirklich hohen Lebensstandard läßt sie erst durch andere Bevölkerungsschichten testen".

Ein anderes Thema hängt eng mit dem neuen Selbstverständnis, mit dem stark gewachsenen Selbstbewußtsein zusammen: Mißmut über Konsumverzicht, auch Ärger über die Bevorzugung des deutschen Westens in manchen Dingen. "Wann gibt’s aus Meißen mal’n Teeservice in unserer Währung?" heißt die in einem Lied untergebrachte Frage, und zwei Straßenarbeiter meditieren: "Weißt du, warum wir soviel Schlaglöcher haben?" Der andere: "Weil wir die nicht exportieren können." Und im jüngsten Messeprogramm wurde glossiert, daß das Urlauberschiff "Völkerfreundschaft" für ein westdeutsches Touristikunternehmen unterwegs ist. Ob das Schiff nicht auch mal wieder im Sommer für DDR-Reisende fahren könne? "Frag doch Neckermann, vielleicht borgt er sie uns mal aus." Und in einem Sketch über die Allmacht der Chefärzte klagt eine Medizinstudentin: "Meine Verwandten im Westen schimpfen, weil die mir alle die Bücher schicken müssen, nach denen unsere Professoren prüfen."

Ihr zwanzigjähriges Bestehen feiert die "Pfeffermühle" mit den "IV. Leipziger Tagen des Kabaretts" und mit dem Jubiläumsprogramm "Hurja, die zweiten Zehne". Solche Titel-Kalauerei gehört zur Tradition: Da hat es das "Frühlinkserwachen" gegeben, da war "Die Macht... nicht zum Schlafen da", und zum VIII. Parteitag hieß es doppelsinnig: "Auf die Linie VIIIten". Nur das erste Programm, mit dem sich am 22. März 1954 ein paar Schauspieler vom Theater der Jungen Welt im Weißen Saal des Zoo vorstellten, hatte noch keinen Titel. Im August jenes Jahres wurde die Stadt Trägerin des Unternehmens. Seit Ende 1961 spielt die "Pfeffermühle" im eigenen Domizil, eben jenem Keller am Thomaskirchhof. Inzwischen hat man es auf 36 Programme gebracht; in letzter Zeit hat man jedes ein Jahr lang spielen können; Kartenbestellungen bis zu sechs Monaten im voraus sind die Regel. Bei 176 Plätzen und 220 Pflichtvorstellungen im Jahr bringt man es zu einiger Massenwirksamkeit: Jedas Programm hat so viel Zuschauer wie ein gut besuchtes Fußballspiel – dreißigtausend.

Die Mitglieder des Kabaretts sind sämtlich städtische Angestellte; das erklärt die erstaunliche Stabilität des Ensembles: Mit der "Pfeffermühle" sind Siegfried Mahler (derzeitiger spiritus rector) und der Komponist Gerd Holger zwanzig Jahre älter geworden; auch die erste Dame, Ursula Schmitter, ist schon seit 1954 dabei. Etwas weniger beständig waren im ersten Jahrzehnt die Herren von der Direktion. Der Gründer Conrad Reinhold ging 1956 zur "Distel", ehe er in Frankfurt (West) die "Maininger" gründete. Horst Gebhardt, der Ende der Fünfziger die Direktion innehatte, wurde später Chefredakteur von "Theater der Zeit". Edgar Külow, der fünf Jahre lang die Verkörperung westfälischer Trockenheit war, ist heute beim DDR-Fernsehen, das übrigens eins der beliebtesten Objekte des Pfeffermühlen-Spottes bleibt. "Warum ist das Fernsehen eigentlich so schlecht?" – "Weil es in der Hand von Angestellten ist." Seit nunmehr zehn Jahren wird das Kabarett von Horst Günther geleitet, der auch Parteisekretär und einer der Texter ist.