Von Heidi Dürr

Der labile Boom hat einer stabilen Inflation Platz gemacht. So läßt sich heute – kurz vor Beginn der Kunst- und Antiquitätenmessen in Hannover-Herrenhausen (27. April bis 5. Mai) und in Basel (9. bis 19. Mai) – die Situation auf dem bundesdeutschen Markt der alten Kunst und des Kunstgewerbes früherer Jahrhunderte charakterisieren.

Stabile Inflation – das heißt, die Preise für alte Möbel und Bilder, Silber und Porzellan steigen nach wie vor, aber zur Zeit nur in dem Maße, in dem die Kaufkraft des Geldes schwindet. Mit einer Verteuerung der Objekte von zehn bis fünfzehn Prozent pro Jahr muß gerechnet werden, mit erheblich mehr nur bei einigen wenigen Antiquitäten-Gattungen wie etwa Ostasiatica und Fayencen.

Mit dieser relativen Stabilität unterscheidet sich der deutsche Kunstmarkt wesentlich von dem in anderen europäischen Ländern, beispielsweise in England und Frankreich. Im Gegensatz zu unseren Nachbarländern findet hierzulande trotz ungewohnt hoher Inflationsraten die Flucht in die Sachwerte nicht statt.

Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. Die meisten Sammler von Antiquitäten und alter Kunst stammen aus einer Schicht, die von wechselnden Konjunkturen kaum oder gar nicht betroffen wird und die die stark steigenden Kosten zwar spürt, aber immer noch einen finanziellen Spielraum für die Verwirklichung ihrer sammlerischen Interessen behält. Dieser Sammlerkreis aus Angehörigen freier Berufe und leitenden Angestellten hat bisher noch keine Inflationsmentalität entwickelt, die ihn veranlassen würde, eine Sammlung um jeden Preis zur Fluchtburg auszubauen.

Wie die Antiquitäten-Messe im März in Düsseldorf und die ersten Auktionen dieses Frühjahrs gezeigt haben, ist eher das Gegenteil der Fall. Bei anhaltender Kaufbereitschaft werden Preise verglichen, wird das Verhältnis zwischen Preis und Qualität kritischer als früher geprüft. Und der Entschluß, eine fünfstellige Summe in ein Kunstwerk zu investieren, fällt zögernder als noch vor ein paar Jahren.

Bei solchen Kunden lassen sich keine Preise mehr durchsetzen, die lediglich von den Gewinnvorstellungen des Kunsthändlers bestimmt werden. Wenn der Sammler mehr rechnet, muß auch der Händler schärfer kalkulieren. Das euphorische Profitdenken, das einzelne Kunsthändler in den vergangenen Jahren ungeniert zur Schau stellten, ist denn auch wieder einem nüchterneren Sinn für die bescheideneren Realitäten des deutschen Marktes gewichen. Bestes Beispiel: Auf der Münchner Antiquitätenmesse im Oktober und November letzten Jahres wurde ein Satz von sechs signierten französischen Louis-XV-Fauteuils für 120 000 Mark angeboten – und nicht verkauft. Vier Monate später, die sich durch eine betonte Zurückhaltung besonders der potenten Sammler auszeichneten, waren dieselben Sessel in Düsseldorf für die auch nicht gerade niedrige, aber realistischere Summe von 90 000 Mark zu haben. Zu diesem Preis fand sich am Rhein dann auch ein Käufer.