Von Paul Schulz

Es gibt verschiedene Therapiestrategien der Drogenarbeit. Zwar gibt es kein überkommenes Therapiemuster, aber der offenkundige Mißerfolg der klassischen Psychiatrie liegt in einer auf die Sache bezogenen therapeutischen Hilflosigkeit. Deshalb müssen neue Wege beschritten werden, um Sozialisationsprozesse in Gang zu setzen, und zwar in Einzelarbeit und in Gruppenarbeit. Hier sei auf einige wichtige Therapieformen hingewiesen:

Gesprächstherapie: Im Einzelgespräch mit dem Therapeuten, aber auch in der Gruppe werden individuelle und generelle Probleme thematisiert und verbalisiert. Ziel ist hier nicht "Moralpredigt", sondern die Darstellung von eigenen Problemen. Der Proband soll dadurch, daß er seine Probleme offen darlegt, aus einer Zwangssituation der Sprachlosigkeit befreit werden, Sperren auf die Gruppe hin sollen abgebaut werden, indem die Gruppe zum Mitwisser wird und so in die Lage gerät, positiv zu dem Probanden und seinen Problemen in Beziehung zu treten. In dem Maße, wie die Offenheit des Probanden von der Gruppe angenommen wird, wächst die Chance des gegenseitigen Vertrauens und der Solidarität. Allerdings besteht gerade bei der Gesprächstherapie die Gefahr, daß die Offenheit des Probanden von jemandem in der Gruppe bei passender Gelegenheit ausgenutzt wird. Hier hat der Therapeut die Aufgabe; einen möglichen Vertrauensbruch dadurch rechtzeitig abzufangen, daß er den gesamten Gruppenprozeß auf Solidarität hin stärkt.

Verhaltenstherapie: Dabei bedarf es auf jeden Fall eines Therapeuten, der in der Lage ist, einzelne Verhaltenssituationen in ihren Punktionen zu analysieren und einsichtig zu machen. Er muß darstellen können, warum bestimmte Verhaltensweisen auf Grund bestimmter Voraussetzungen nicht sachgerecht waren und deshalb zu Erfahrungen führen mußten; die als Endeffekt gar nicht gewollt waren. Er muß zugleich darlegen können, wie man sich denn in der gleichen Situation hätte so verhalten können, daß andere Erfahrungen möglich wurden. Gerade für Drogenabhängige, die sich in ihrem Verhalten festgefahren haben, bedarf es kontinuierlich bewußter Einübungen neuer Verhaltensweisen, um so langsam aus den eingefahrenen Gleisen herauszukommen.

Bio-Energetic: Hier steht ein mannigfaltiges Übungsprogramm zur Verfügung, um Körperkräfte bewußt werden zu lassen und dadurch beherrschen zu lernen. Sehr viele Übungen sind auf der Basis der Atemgebung aufgebaut: Der Atem-, strom, der durch den Körpers läuft, kann zum Beispiel bei verschiedenen Körperstellungen unterschiedliche Empfindungszustände schaffen, Beruhigung etwa oder Belebung. So soll Bio-Energie die körperliche Selbsterfahrung vertiefen und körperliche Selbstbeherrschung fördern. Genau an dieser Stelle haben bio-energetische Übungen speziell für den Drogenabhängigen, der seinen Körper fast ausschließlich von der Droge her erfährt, größte Bedeutung, weil sie helfen, ein neues Verhältnis zur Körperlichkeit zu schaffen.

Non-verbales Training: Erfahrungen der Umwelt und Mitteilung an die Umwelt ohne Sprachgebung. Wahrnehmungen etwa durch Tasten, durch Begreifen, durch Riechen, durch Sehen, durch Hören mit dem Ziel der Sensibilisierung des Erkennens. Besonders gilt es, Vertrauenserfahrungen durch Fühlen des anderen zu ermöglichen. So gibt es eine Fülle von Vertrauensübungen, mit denen verstehendes Vertrauen; mitgeteilt und empfangen werden kann. Non-verbales Training kann in dem körperlich-geistigen Zustand eines Drogenabhängigen gerade dann eine völlig neue Erfahrungswelt öffnen, wenn dieser Verbalisierungsschwierigkeiten hat, sei es, daß er zu wenig oder zu viel zu verbalisieren vermag. Er kann dann – ohne Verbalisierung – als Höchstes die Erfahrung machen, daß er bei dem anderen oder gar in der Gruppe, in der er lebt, geborgen ist,

Group-Encounter: Diese vor allem in Amerika geübte Form der Gruppentherapie hat bisher bei uns kaum Anwendung gefunden. Es ist zu vermuten, daß sie wegen ihrer bewußten Härte unserer Mentalität nicht entspricht. Encounters stellen die Gruppe gegen den einzelnen, wobei die Gruppe den einzelnen mit scharfen Vorwürfen attackiert. Er wird zum Schreien, zum Schimpfen, zum Fluchen gereizt mit der Absicht, die Fassade seiner Selbstgerechtigkeit und Rechthaberei zu durchbrechen, damit Bereitschaft entsteht, sachgerechtes Verhalten zu lernen. Bei dem oft völlig verhärteten Geisteszustand eines Drogenabhängigen können solche Encounters manchmal die einzige Möglichkeit sein, den User in seiner Erstarrung aufzubrechen. Dies ist eine Therapieform, die nur gezielt und zeitlich begrenzt eingesetzt werden darf. Nach dem Encounter; ist es äußerst wichtige daß der Angegriffene von der Gruppe aus erfährt, daß die persönlichen menschlichen Beziehungen nicht gestört sondern im Gegenteil vertieft sind: harte Therapiearbeit als persönliche Hilfe.