Von dem Bürgermeisterposten in New York wird behauptet, er sei der schwierigste Job der Welt, aber auch, ein ideales Sprungbrett für höhere Aufgaben. Für den ersten Mann im Rathaus von Madrid gilt ähnliches: Seine Aufgaben sind zwar fast unlösbar; trotzdem zeigt das Beispiel des früheren Bürgermeisters und jetzigen Ministerpräsidenten Spaniens, Arias Navarro, welche Möglichkeiten der Posten bietet.

Problem Nummer eins der Hauptstadt ist die Luftverschmutzung, die Smogglocke über Madrid. Es gibt Tage, an denen die Sichtweite trotz herrlichen Wetters im Umland in den Außenbezirken 500 Meter und in der Innenstadt höchstens hundert Meter beträgt. Eine dicke Dunstglocke vernebelt den bekannten Postkartenblick von der Puerta de Alcalá zur Plaza Cibeles und der Gran Via. In den Madrider Kneipen ist es zu einem beliebten Zeitvertreib geworden, über den Grad der Luftverschmutzung zu wetten. Der richtige Wert kann dann den Madrider Zeitungen entnommen werden, die mindestens einmal die Woche darüber berichten.

Diese Berichte sind zum Teil alarmierend. Mitte November vorigen Jahres überstieg der Index der Luftverschmutzung die Grenze von tausend Gramm je Kubikmeter, die als gesundheitsgefährdend gilt. Mitte Dezember 1973 und Mitte Januar 1974 wurden Höchstwerte für den Monat von etwa 900 Gramm gemessen. Kein Wunder, daß die Bewohner der besonders verseuchten Stadtteile bei einer Umfrage der Madrider Zeitung Ya ihr Leid klagten: "Schreiben Sie, daß uns die Terrasse nur als Dekoration dient, da wir nie draußen sitzen können. Wenn wir es tun würden, würden wir die gesamten Abgase Madrids einatmen"; "Wir können keine Pflanzen auf den Balkons halten. Ich hatte einige in Blumentöpfen, die aber alle eingingen!" "Wenn wir am Sonntag ins Grüne rausfahren, dann merken wir erst richtig, in welch schädlicher Umgebung wir wohnen."

Ursache für diesen alarmierenden Zustand ist einmal die Verkehrssituation in Madrid. Trotz großzügig angelegter Boulevards und Alleen bricht der Verkehr viermal am Tag zusammen: morgens, wenn die Mehrzahl der 3,5 Millionen Madrider in den Wagen steigt, um dann für eine Strecke zwischen Wohnung und Büro von 10 Kilometern über eine Stunde zu benötigen; mittags, wenn sich die Autokolonnen stadtauswärts zum Mittagessen und dann wieder zurück in das Zentrum wälzen; und abends zwischen sieben und neun, wenn die Büros schließen und das Nachtleben beginnt, mit einem Verkehrsgewühle sondergleichen als Folge. Das schlecht raffinierte Benzin und Diesel lassen Autos, vor allem aber Taxis, Lastwagen und Omnibusse eine schwarze Abgasfahne nach sich ziehen.

Zum anderen ist auch das schnelle Wachstum der Stadt für die Luftverunreinigung verantwortlich. Während in Deutschland bereits Trabantenstädte wie das Berliner Märkische Viertel oder das Billwerder-Allermöhe-Projekt in Hamburg Aufsehen erregen, besteht Neu-Madrid eigentlich nur aus Trabantenstädten. Ein Hochhaus neben dem anderen und wenig Grünflächen sind die herausragenden Merkmale der neuen Stadtviertel. Alle Neubauten werden neuerdings mit Zentralheizung, und Warmwassereinrichtungen gebaut, so daß der Verbrauch von schwefelhaltigem Brennstoff rapide gestiegen ist. Dies trägt genauso zur Luftverschmutzung bei wie der Schornsteinrauch der zahlreichen Industriebetriebe, die rings um die Hauptstadt herum angesiedelt wurden.

Zwar wurden unter der Regie von Arias Navarro um Madrid herum breite Umgehungsstraßen mit Brücken und Unterführungen an den Knotenpunkten gebaut, die den Durchgangsverkehr aus der Innenstadt fernhalten sollten. Doch der Verkehr nimmt so rasch zu, daß diese Bauten keine spürbare Entlastung brachten. Auch die Versuche, die Spanier zum Umsteigen vom Privatauto auf U-Bahn oder Bus zu bewegen, schlugen weitgehend fehl. Trotz billigster Fahrpreise, ständiger Erneuerung des Fuhrparks und Einrichtung eigener Fahrspuren für Busse stehen die öffentlichen Verkehrsmittel immer noch in dem Ruf, nur für arme Leute zu sein.

Hinzu kommt, daß Madrids Autofahrer zu den undiszipliniertesten der Welt zählen: Was nützen die breiten Hauptstraßen, ein vorbildliches Netz unterirdischer Garagen und eine gut durchdachte "grüne Welle", wenn der Verkehr durch Slalomrennen, Parken in der zweiten, ja sogar dritten Reihe und Nichtbeachtung der Verkehrszeichen blockiert wird. Die ständigen Stauungen tragen zusätzlich zur Luftverschmutzung bei. Im Rathaus hat man inzwischen gegenüber der Mentalität der Madrider Autofahrer weitgehend resigniert. Der Verkehrsdezernent: "Wir wissen, daß Maßnahmen zur Senkung der Luftverschmutzung dringlich sind; zur Zeit sind jedoch unsere Möglichkeiten begrenzt."