Das Fahrrad ist zwar die billigste, gesündeste, harmloseste Transportmaschine, aber auch die hinterwäldlerischste. Es ist in Wahrheit ein:

Idiotensichere Mondraketenkapseln, automatisch fliegende Flugzeuge, Automobile mit Knautschzonen – man sieht vor sich die Sturzbäche von Erfinderschweiß, wie sie Denkerstirnen hinabgeflossen sind, während dahinter über alle die großartigen Geräte gesonnen wurde, mit denen wir uns transportieren. Nur um die billigste, harmloseste, gesündeste Transportmaschine, die, mit dem Menschen oben drauf, die allerwenigste Energie verbraucht, um ein bestimmtes Gewicht über eine bestimmte Entfernung fortzubewegen, die weniger Energie verbraucht als das Auto, das Flugzeug, auch als der Mensch zu Fuß und sogar noch weniger als Taube und Biene – um diese Maschine hat sich offenbar seit achtzig Jahren niemand mehr ernstlich gekümmert: um das Fahrrad. Wer sich gerade eins gekauft und zu den zwanzig Prozent Umsatzsteigerung beigetragen hat, die die Händler jubelnd melden, den erwartet eine Menge Ärger, historischer Ärger. Das folgende, etwas Geduld erfordernde Erfahrungstelegramm deutet ihn an:

Schlauch kaputt; die Kette springt ab; die Hose bleibt in der Kette hängen; der Rock verheddert sich im Hinterrad; das Netz am Hinterrad ist gerissen, der Schlauch ist kaputt; die Lampe vorn brennt nicht, der Draht ist gerissen; das Rücklicht brennt nicht, aber der Draht ist nicht gerissen, die Birne ist nicht entzwei; der Schlauch ist kaputt, die Luftpumpe ist geklaut; das Schutzblech hinten klappert; das Schutzblech vorn schleift pfeifend am Reifen; die Gepäckträgerschraube ist verschwunden; die Lenkstange rostet; die Speichen rosten; die Felgen rosten; fünf Speichen sind weg; der Schlauch ist kaputt; das Vorderrad eiert; der Rücktritt zieht nicht; das gelbe Reflektorglas am linken Pedal ist ab; der Klingeldeckel ist geklaut; der Sattel drückt; die Handbremse bremst nicht; der Schlauch ist kaputt; die Handbremsbackengummis sind raus; der Freilauf schnarrt; der Schraubenschlüssel ist nicht da; beim öffnen der Rocktasche ein Fingernagel eingerissen; das Ventil ist heil, aber die Luft ist raus; aus dem Sattel hängen die Eingeweide. Es hat immer noch keiner das Fahrrad geklaut.

Siebzig Jahre lang hat man an ihm herumerfunden: Pedale (1844), Tretkurbel und Hinterradantrieb (1868), Tangentialspeichen (1870), Kettenantrieb (1879), Luftreifen (1888), Freilauf (1900) – doch seitdem hat man das Fahrrad, dieses harmlose, hinterwäldlerische Ding, offenbar nur noch den Lackierern in die Hände gegeben; denn wirklich hat sich an ihm ja nichts geändert. Selbst blöder Geschlechterstolz auf Unbequemlichkeit hat bis heute dafür gesorgt, daß nur "für Damen zum bequemeren Aufsteigen das Oberrohr des Rahmens heruntergezogen" wurde, Männer werfen das Bein. Das Fahrrad: reinstes neunzehntes Jahrhundert, ein Prachtkerlchen technischer Nostalgie.

Und der Radfahrer in seiner Schafsgeduld glaubt weiter an das Gute im Rade. Er schmückt es mit irrwitzigen Lenkstangen; er testet es, ob es "zu einer gesteigerten Beweglichkeit der Heimatschutzkommandos gegen hinter den Linien abgesprungene Verbände tauglich" sich erweist; er betet des Rades Harmlosigkeit an und demonstriert mit ihm, weil aus keinem Auspuff etwas pufft, auf der Fifth Avenue oder der Place de la Concorde gegen Umweltschmutz und Lärm und Dreck; er faltet es in seine Autos, um sich darauf in Waldesluft fit zu trimmen und die Natürlichkeit der Natur wiederzuentdecken.

Und, schon beinahe nicht zu glauben: nachdem schon die Japaner so etwas probiert hatten, will der Rat für Formgebung seinen "Bundespreis Gute Form ’74" den besten Fahrrädern umhängen. Wie schön, daß wenigstens der Design-Professor Herbert Lindinger daran glaubt, "daß dieses Vehikel noch eine mindestens ebenso große, Entwicklung durchmachen wird wie seit seiner Erfindung im Jahre 1817" – und daß die überraschende "Wiederentdeckung des Fahrrades" uns eins schenkt, das tatsächlich "niedrig in den Anschaffungskosten, langlebig, reparaturanfällig, nahezu wartungsfrei ist", sagen wir: das so idiotensicher funktioniert wie eine Mondraketenkapsel. Manfred Sack