Von Rolf Zundel

Hans-Otto Bäumer sieht aus wie der gute Onkel aus der Kinderstunde: unter weißgrauem Haarkranz gemütliche, etwas verschmitzte Pausbäckigkeit. Ein Ideologe war er nie, als politischer Pfiffikus hat er sich oft erwiesen – mit Witterung für die Stimmung, mit Gespür für die Macht. Er hat sich von der linken Welle in der SPD in das Amt des stellvertretenden Landesvorsitzenden in Nordrhein-Westfalen tragen lassen; am Wochenende warnte er die Jungsozialisten mit derber Deutlichkeit vor linken "Irrwegen".

Sollte die Parteijugend "Beschlüsse fassen, die mit dem Programm der Gesamtpartei in Widerspruch stehen", so verkündete Bäumer sogleich in seiner Begrüßungsansprache, werde dies "unweigerlich harte Konsequenzen haben". Die Parteiführung werde nicht zögern, die Jungsozialisten "eine in entscheidenden Fragen außerhalb der SPD agierende Arbeitsgemeinschaft" zu nennen.

Bruno Friedrich, Vorsitzender des SPD-Bezirks Franken, ist nie in den Geruch verschmitzter Gemütlichkeit geraten. Der Verfechter eines undogmatischen Reformsozialismus, der zuweilen an der Politik und an seiner Partei zu leiden scheint wie Herbert Wehner, hat lange über die Strategie der Sozialdemokraten nachgedacht. Wo Bäumer drauflospolterte, arbeitete Friedrich mit chirurgischen Präzision.

In einem Statutenverfahren bei der SPD-Bundesschiedskommission will der Vorstand des Bezirks Franken "größere Klarheit" über die Rolle derArbeitsgemeinschaft der Jungsozialisten in der SPD gewinnen. Friedrich erklärte, dieses Verfahren sei durch die Schutzbehauptung des fränkischen Juso-Vorsitzenden Haferkorn ausgelöst worden, er könne sich auf Beschlüsse der Juso-Bundeskonferenz stützen. Gegen Haferkorn ist ein Parteiordnungsverfahren beantragt – unter anderem wegen Aktionseinheit mit Kommunisten.

Die Auseinandersetzung der SPD mit den Jungsozialisten hat damit ein neues Stadium erreicht. Es gibt nicht nur Ordnungsverfahren gegen einzelne Jungsozialisten, es wird über die Rolle der Arbeitsgemeinschaft insgesamt diskutiert – mit der mehr oder weniger versteckten Drohung einer politisch-organisatorischen Distanzierung. Auf jeden Fall aber soll klargestellt werden, daß der Parteilinie Vorrang gegenüber Beschlüssen der Jungsozialisten gebührt. Wer dieses Gebot mißachtet, muß die Folgen tragen. Friedrich: "Der Gang zum Zahnarzt läßt sich nicht mehr vermeiden."

Die härtere Gangart der Partei-Oberen hat bei den Jungsozialisten beträchtliche Unruhe ausgelöst. Die Reaktionen schwanken zwischen bissigen Gegenattacken und Versicherungen der Solidarität, zwischen resigniertem Trotz und taktischer Anpassung. Die Landesversammlung der bayerischen Jungsozialisten verurteilte am Wochenende in Regensburg "aufs schärfste die derzeitigen administrativen Maßnahmen des Parteivorstands," In Bayern sind gegen 26 Personen Parteiordnungsverfahren in Gang gesetzt. Im Saarland sind eine Reihe von Jungsozialisten aus der Partei ausgetreten, um einem Verfahren zuvorzukommen.