Auf der Suche nach Rohstoffen und Absatzmärkten hofiert Tokio Peking und Moskau

Man sei sich mit den Russen über die Erschließung sibirischer Bodenschätze grundsätzlich einig, ließen Kogoro Eumura, Präsident der Vereinigten Wirtschaftsverbände Japans, und Shigeo Nagano, Präsident der japanischen Industrie- und Handelskammer, nach ihrer Rückkehr aus Moskau verlauten. Über das entscheidende Detail aber, wie nämlich die von den Sowjets jährlich zugesagten 25 Millionen Tonnen Erdöl später einmal aus den westsibirischen Feldern bei Tjumen nach Japan transportiert werden sollen, müsse noch nachgedacht werden.

Die Japaner seien eingeladen, so hatte der stellvertretende sowjetische Außenhandelsminister Semischastnow den beiden Unterhändlern aus Tokio gesagt, sich am Bau einer zweiten transsibirischen Eisenbahn zu beteiligen. Sie soll am Baikalsee beginnend in etwa 500 Kilometer Abstand nördlich der sowjetisch-chinesischen Grenze verlaufen und nach 3000 Kilometern in Konsomolsk am Amur enden. Von der seit Jahren diskutierten Pipeline von Thumen in die Hafenstadt Nachodka am Japanischen Meer wollte Semischastnow plötzlich nichts mehr wissen.

Bei einem eigens anberaumten Empfang gab Parteichef Breschnjew seinen japanischen Gesprächspartnern noch eine Entscheidungshilfe mit auf den Weg: Bis September müßte die Zusage über die Beteiligung am Bau der Eisenbahn und an fünf anderen Energieprojekten auf dem Tisch liegen.

Außer am Erdölgeschäft sind die Japaner auch an der Lieferung von jährlich bis zu 20 Milliarden Kubikmetern Erdgas aus den Feldern von Yakutsk in Nordostsibirien interessiert, an der Lieferung hochwertiger Kokskohle aus zum Teil noch unerschlossenen Vorkommen in Südyakutsk, an einem forstwirtschaftlichen Projekt über 6,8 Milliarden Kubikmeter Holz, am Ausbau von zwei Fabriken zur Holzbreiherstellung für die Lieferung nach Japan und an einer Beteiligung an Erdöl- und Erdgasbohrungen vor der Kiste von Sachalin.

Der Vorschlag, das Pipelineprojekt zugunsten des Schienenstranges fallenzulassen, verschlug den Japanern erst einmal die Sprache. Denn abgesehen davon, daß die Sowjets ihren Kreditwunsch dafür auf 3,3 Milliarden Dollar hinaufschraubten, während sie für die Pipeline noch mit einer Milliarde Dollar zufrieden waren, muß Japan jetzt auch nach einem Ausweg aus der politischen Zwickmühle zwischen Moskau und Peking suchen, in die es sich hineinmanövrieren ließ.

Zwar strebt das rohstoffarme Inselreich – nicht zuletzt mit Hilfe der Sowjetunion – nach Diversifikation seiner Erdölimporte, bei denen es zu 86 Prozent von arabischen Lieferanten abhängt, aber es ist auch ständig auf der Suche nach neuen Absatzmärkten. Und in Tokio weiß man, daß die Chinesen an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen werden, wenn die Sowjetunion bei der Erschließung Sibiriens unterstützt wird. Wegen ihrer vielseitigen Verwendbarkeit würde die zweite Eisenbahnlinie durch Sibirien die strategische Position der Sowjets in ihren fernöstlichen Landesteilen verbessern. Schon das jetzt auf Eis gelegte Pipelineprojekt diente nach Pekinger Meinung lediglich dazu, Moskaus Probleme beim militärischen Nachschub entlang der sowjetisch-chinesischen Grenze zu lösen.