Als 1969 aus den damals immerhin gut dreißig Jahre alten, dennoch kaum über die Stadtgrenzen hinaus bekannten „Wittener Kammermusiktagen“ die „Tage für neue Kammermusik“ wurden, gab man einem solchen Mini-Festival kaum eine Chance. Neue Musik in einer nicht einmal von der retrospektiven musikalischen Praxis sehr verwöhnten, geschweige denn mit Problemen und Techniken der Avantgarde vertrauten Industriestadt von knapp 100 000 Einwohnern, eingezwängt in die argwöhnisch ambitionierten Kulturbetriebe der umliegenden Metropolen, ausgestattet mit einem winzigen 10 000-Mark-Etat: an ein Donaueschingen an der Ruhr wollte da niemand so recht glauben.

Heute ist das Wittener Unternehmen zu einem respektablen Treffpunkt geworden, der informiert über die zur Zeit in Mode befindlichen Strömungen und Tendenzen, der das Spektrum in seiner ganzen Heterogenität vorführt, keine krampfhaften Verbindungen zieht und dabei auch riskiert, daß das eine dem andern im Weg steht, daß Schwächen des einen schonungslos durch das andere aufgedeckt werden, daß auf diese Weise ein Qualitätsgefälle deutlich wird.

Die regen Aktivitäten – sechs Veranstaltung gen mit 25 Uraufführungen in diesem Jahr – haben inzwischen im kleinen Saal des Märkischen Museums keinen Platz mehr, die Aula eines Gymnasiums kann auch nicht ständig zur Verfügung stehen: Im nächsten Jahr wird die neue Stadthalle fertig sein, ein Mehrzweckbau, für den die Stadt Witten 25 Millionen Mark aufbringen muß, ein Doppelhaus, mit einem Theater für 750 Zuschauer, die Bühnenmaße sind mit den späteren Gasttheatern abgesprochen, und einem eher für Konzerte, Pop, Tanz oder Konferenzen gedachten, noch einmal aufteilbaren Saal mit 1000 Plätzen; dazwischen ein Foyer. Wozu braucht Witten eine solche Halle? Rund 2000 Mitglieder der Kulturgemeinde und der Volksbühne fahren bisher in die Theater der Nachbarstädte – demnächst werden die Stadttheater nach Witten kommen. Die Jugend möchte Popkonzerte hören, und das kommunale Kino wird sich nicht aufhalten lassen. (Aber auch die Subventionssteigerungen werden sich nicht aufhalten lassen.)

Im letzten stadthallenlosen, dem schrecklichen Jahr zeigte sich in Witten: Die Sensibilisten sind unter uns. Aus Amerika brachte eine Gruppe „S.E.M.“ fünf jener quasistationären Musiken, die mit großen Ambitionen daherkommen, die alle „befreien“ wollen, von Streß und alten Hörgewohnheiten und Zwängen und so, und die angeblich so ungeheuer kreativ sind, die zu sich finden lassen und zum anderen, die unabhängig sind und träumerisch und grenzenlos – grenzenlos langweilig vor allem, weil ihnen jede Spur von Phantasie abgeht.

Witten zeigte, weiter: die Nihil-Infantilisten, mit Stücken, die absolut nichts voraussetzen, die nichts wollen, nichts können, die gehäufte Unsinnigkeit. Ein Stück von Friedhelm Döhl beispielsweise, einem mit Preisen hochdekorierten Professor in Basel, „für einen Sprecher selbviert“, Titel: „A & O“; ein krauses Palaver, das von allem und nichts redet und alles und nichts sein will und gefällt oder mißfällt, vor allem dann wohl, wenn – Zitat – „der Hörer ein Schiefohr ist“ – jener Hörer, der hier „zurückgeworfen wird in eine klangliche Gebärmutter“. Und es gab gleich noch einen Beitrag zur Frage der Reform des Paragraphen 218, „foetus“ von Gerhard Rühm, ein Stück für beinahe unhörbar Atmende, ein bißchen Keuchen, schließlich ein lauter Seufzer. Nun ja.

Witten zeigte auch Politisches: Nikolaus A. Huber, Professor in Essen, schrieb eine „Banlieu“ zusammen, „Schauplätze der Revolution“: Almeira und Chile, die Commune de Paris und das Berufsverbot für Linksradikale anno 1974. Ein bißchen Brecht/Weill, viel Elektronik und dazu die alte Erkenntnis, daß, wenn Musik und Politik zusammenkommen, entweder die Musik oder die Politik kaputtgeht – hier war es auf jeden Fall die Musik.

Witten zeigte noch: das open end reizt immer noch Komponisten wie Interpreten. Immer Wieder versucht sich jemand an dem inzwischen eigentlich gelösten, negativ gelösten Problem, ob und wie es gelingen könnte, ein Stück zu fertig gen, das irgendwo irgendwie anfängt und genauso gut an einer ganz anderen Stelle ganz anders beginnen könnte, das ebenso willkürlich aufhört – und das doch ein Stück ist, ein sinnvolles Unternehmen, ein einsichtiges dazu, das nicht nur etwas zu sein vorgibt. Prompt brachen denn auch die Open-end-Interpreten beim Publikum ein, einem Publikum, das bislang – und das ist das größte Manko von Witten – ziemlich ratlos und allein gelassen wird mit dem Neuen,

Und Witten zeigte schließlich die Könner: Das renommierte Bläser-Ensemble von Edward H. Tarr und das aufstrebende Kölner Collegium vocale, drei Damen, drei Herren, die mittels Stimme, Mikrophon und ein bißchen Dekor faszinieren: mit Klängen, Lauten, mit komischen Attitüden und – kurzen Stücken; ein hochvirtuoses Gesangs-Sextett, eine brillant studierte Gruppe, die sich keine Blöße gab. Aber sie hatte wohl auch eben ein paar der besten Stücke vorzuzeigen. Heinz Josef Herbort