Von Petra Kipphoff

Ossian, so bekennt der junge Werther (und er prädisponiert sich so mit nachtwandlerischer Sicherheit für die kommenden Leiden), "Ossian hat in meinem Herzen den Homer verdrängt. Welch eine Welt, in die der Herrliche mich führt! Zu wandern über die Heide, Homer vom Sturmwinde, der in dampfenden Nebeln die Geister der Väter im dämmernden Lichte des Mondes hinführt..." Der Ossian als Folie für die "Leiden des jungen Werther", der Ossian als letzter Anlaß für den Höhepunkt der Katastrophe, der die durch Werthers Vorlesekünste in Tränen ausbrechende Lotte an der Brust des seinerseits Aufgelösten sieht, eine stürmische erste und letzte Umarmung, auf die Trennung und Tod rasch folgen: "... und mit dem vollsten Blick der Liebe auf den Elenden eilte sie ins Nebenzimmer und schloß hinter sich zu" (doch 165 Jahre später wird die Matrone von Thomas Manns Gnaden zur Exzellenz nach Weimar reisen, um sich zu erinnern: "Guten Abend, meine Liebe, sagte er mit der Stimme, mit der er einst der Braut aus dem Ossian, dem Klopstock vorgelesen").

Der zu seiner Zeit und im Rückblick der Literaturgeschichte revolutionäre, der neue deutsche Roman stimmt sich ein im Rückgriff auf alte angelsächsische Epik oder doch das, was man dafür hielt: Ossian, der von Madame de Staël zum "Homer des Nordens" ernannte Barde, ist zwar eine in der angelsächsischen Literatur des Mittelalters vielfach erwähnte Gestalt der keltischen Mythologie, die nach ihm benannten und ihm zugeschriebenen Gesänge jedoch hat ein dreiundzwanzigjähriger schottischer Lehrer seinen vom Drang nach Vorzeitlichem verwirrten Zeitgenossen geschrieben. Aber James Macpherson (1736 bis 1796), ein armer, ehrgeiziger und talentierter junger Mann, war mehr als ein kleiner Fälscher. Aus originalen Brocken und unter geschickter Verwendung irischer und schottischer Sagenmotive stellte er authentische Falsifikate her und konstruierte, durch die Reaktion begeisterter Literatur-Kenner und Liebhaber quer durch Europa in prolongierte Entdeckerfreude und Schöpferstimmung getrieben, ein überzeugend fragmentarisches Gebäude altenglischer Epik: 1760 erschienen seine "Fragments of Ancient Poetry Collected in the Highlands", 1761 "Fingal", 1763 "Temora", 1765 eine "The Works of Ossian" betitelte zweibändige Gesamtausgabe. James Macpherson liegt zu recht in der "Poets’ Corner" der Westminster Abbey begraben.

Wenn man heute den Ossian liest, dieses schwerblütig verworrene und dunkel verwirrende schwerblütig zu durchtauchen versucht und dann daneben den (munteren) Beowulf aufschlägt oder die (zierlichen) Merseburger Zaubersprüche oder das (gradlinige) Nibelungenlied, dann glaubt man als besserwisserisch besserwissenden Nachfahre natürlich die archaisierende Fälschung in all ihrer überzogenen Dramatik, in ihrer unerträglichen Anempfundenheit sofort als eine solche erkennen zu können. Aber es ist noch gar nicht so lange her, daß hierzulande ein Mann namens Karl Emerich Krämer unter der heimischen Stehlampe Gedichte schrieb, die er als Produkte eines Fremdenlegionärs namens George Forestier unter dem Titel "Ich schreibe mein Herz in den Staub der Straße" erfolgreich verkaufte (das war 1952, und die Rezensenten waren auch dabei). James Macpherson gab seiner Zeit nur das, und genau das, was sie suchte und brauchte als Gegengewicht zur rationalistischen Aufklärung. Er war kein Dichter von eigen ingenösen Gaben, aber er trat fachmännisch eine Lawine los, in der sich das halbe Europa begeistert mitgerissen fand.

Klopstock, Herder, die Dichter des Göttinger Hain-Bundes, sie alle sahen in Ossian den Schöpfer einer ursprünglichen, sowohl den Kräften der Seele wie der Natur verpflichteten Dichtung und glaubten, hier endlich ihren idealen Ahnherrn entdeckt zu haben. Goethe hatte 1771 schon seine eigene, später in den "Werther" aufgenommene Übersetzung der "Gesänge von Selma" an Friederike nach Straßburg geschickt – aber vor und während der Niederschrift des "Werther" und während die literaturbeflissenen Zeitgenossen sich mit wertherscher Schwermut vollsogen, entstanden auch die großen Hymnen des großen Überlebenskünstlers: "Weit, hoch, herrlich der Blick".

Von der Ossianischen Krankheit waren aber nicht nur die Poeten befallen. Schubert veredelte die Fälschung mit schönen Lied-Noten, Felix Mendelssohn-Bartholdy schrieb, eine direkte Auswirkung seiner Schottland-Reise und des Besuches der tropfsteinverhangenen Fingalshöhle, 1829 die Hebriden-Ouvertüre (opus 26), ein ganz der Impression hingegebenes Stück Musik-Dichtung. Am ärgsten aber hatte es den Kaiser der Franzosen getroffen: In seinem ständigen Reisegepäck führte Napoleon sowohl den "Ossian" wie auch den "Werther" mit sich.

Während die Schriftsteller sich aus dem Ossian eine Stimmung herausfilterten (die durch Youngs "Night Thoughts" und Grays "Elegy in a Country Churchyard" aber schon kräftig vorbereitet war), um dann, das schottisch verwölkte Hetz in andächtig kontinentalen Händen, den eigenen Dingen und Themen schreibend nachzuträumen, hatte der Ossian auf die Bildende Kunst eine ganz direkte Wirkung. Ossian, sein Vater Fingal, König von Moren, sein Sohn Oscar, jugendfrisch dahingemordet und von seiner Braut Malvina betrauert zusammen mit dem Vater, der aus Kummer zum Greis und blinden Sänger wird: sie und noch ein paar Hände voll anderer Personen plus dazugehöriger Heere verdrängen plötzlich Antike und Schäferei und ziehen, teils gruppiert zu einem vorzeitlichen Waterloo, teils als pompe funèbre über die Leinwände und Zeichenblocks, bereiten den Boden für die Träume und Visionen der frühen Romantik bis hin zur enigmatischen Landschaftsmalerei von Caspar David Friedrich.