Sie sind nicht die Witwe Mandelstams. Sie sind sein Schatten. Im Stück von Jewgenij Schwarz will der Schatten den Platz seines guten Herrn usurpieren, ist aber hilflos vor dem Wort: Schatten, kenne deinen Platz.“

Diese zornige Abfertigung steht am Schluß des langen Briefs, den der charaktervolle Schriftsteller Wenjamin Kawerin, selber schon zweiundsiebzigjährig, der fünfundsiebzigjährigen Witwe des Dichters Ossip Mandelstam geschrieben hat und der in Moskau und Leningrad zirkuliert. Carl Proffer, Herausgeber einer amerikanischen Zeitschrift für russische Literatur, hat diesen Brief aus Moskau mitgebracht und im Einverständnis mit der Betroffenen in der „New York Review of Books“ im Februar veröffentlicht – allerdings mit einem strengen Kommentar.

Wir kennen den Bericht Nadeschda Mandelstams über die Jahre der gnadenlosen Verfolgung ihres Mannes – bis zum Tod des Siebenundvierzigjährigen im Transitlager kurz vor dem Abtransport nach Kolyma; in deutscher Sprache erschien er 1971 unter dem Titel „Das Jahrhundert der Wölfe“ im S. Fischer Verlag.

In ihrem neuen Memoirenwerk (in deutscher Sprache wird es nicht vor Herbst 1975 vorliegen) hat die Witwe auf die Jahre vor dieser Verfolgung zurückgegriffen und zugleich auf die Jahre der Einsamkeit, in denen sie um die Anerkennung, die Neupublizierung des auch nach dem Tod noch Geächteten und Ungenannten kämpfte und zugleich als Lehrerin von Stadt zu Stadt getrieben wurde, und etwa ein Schuldirektor sich den Spaß machte, ihr immer wieder „amtlich beglaubigte“ neue Versionen von den letzten Tagen des Gatten zu bieten. Wenn dieser Band den Titel „Das zweite Buch“ trägt – englisch freilich heißt er „Aufgegebene Hoffnung“, und vielleicht ist das ein Spiel mit dem Namen Nadeschda, der ja „Hoffnung“ bedeutet – so deshalb, weil eine spätere Ausgabe von Ossip Mandelstams berühmtem Zyklus „Tristia“ ebenfalls „Das zweite Buch“ betitelt war. Ein mehr analytisch betrachtender Ausschnitt ist englisch als drittes Werk Nadeschda Mandelstams unter dem Titel „Mozart und Salieri“ erschienen.

Was hat es mit dem Zornausbruch Kawerins auf sich? Nicht nur die KGB-Leute und Apparatschiks schneiden in diesen Memoiren schlecht ab, sondern auch die Intelligentsia selber, zu der Mandelstam gehörte – und nicht nur die erbärmlichsten Opportunisten, nein, auch die engeren Freunde, die zum Verfolgten standen, werden „mit ihren Warzen“ porträtiert. Die engste Freundin des Paares, Anna Achmatowa, erscheint nicht nur als die große Dichterin, die sie war, sondern mit ihrem Liebesleben – zu dem auch Empfänglichkeit für den Reiz schöner Frauen gehört hat; um ein Wort aus der jüngsten bundesdeutschen Politik zu zitieren, das bleiben wird – sie erscheint „nicht als Säulenheilige“.

Dennoch sind diese Memoiren im ganzen nicht anekdotisch im Sinn von Tratsch und Enthüllungen. Der Impetus, der Zwang, eben dieses Buch zu schreiben, kam ganz offenbar anderswoher. Es ist eine Rechenschaft so gut wie eine Zeugenschaft, bewegt von der Frage nach der Mitschuld der Intellektuellen an dem, was ihnen widerfahren ist, eine moralisch-religiöse Meditation, eine innere Erschütterung; wie der Dichter Josif Brodskij schreibt, ist ein „biblischer“ Ton spürbar.

Subjektive Vorurteile wie die Geringschätzung für den Schriftsteller Bulgakow werden gar nicht als „Urteile“ geboten. Kawerin mag besonders gekränkt haben, daß der Literaturtheoretiker Tinjanow so schlecht wegkommt, der sein Schwager war – das ist wenigstens Proffers Vermutung.