Das Gerüst der Reformen wurde abgebaut, aber die Segnungen des Wirtschaftswunders sollen erhalten bleiben

Von Christian Schmidt-Häuer

Janos Kádár", so schreibt in seinen Erinnerungen der ungarische Dramatiker Julius Hay über die Einsetzung Kádárs als Parteichef am dritten Tag der bewaffneten Kämpfe in Budapest im Oktober 1956, "Janos Kádár war der Mann des Augenblicks. Genauer: immer des gerade knapp vergangenen Augenblicks ... Sein Auftritt auf der historischen Bühne kam etwas verzögert, der Zauber seiner Persönlichkeit war ziemlich verpufft. Denn seine Persönlichkeit hatte einen Zauber. Sie hat ihn bis zu einem gewissen Grade immer noch oder jetzt wieder. Den Zauber des müden Kompromisses."

Der weitere Weg Kádárs hat diese Einschätzung bis heute bestätigt. Der Zauber des müden Kompromisses bescherte den vielbeneideten Ungarn mehr als allen anderen Block-Nachbarn: größeren Konsum und Privatinitiative, eine offenere Kulturpolitik und offenere Grenzen für Westreisen. Doch Kádár, gleichermaßen anerkannt von Ungarn und Sowjets, blieb stets der Mann des immer gerade vergangenen Augenblicks. Sein taktisches Konzept der Entpolitisierung – zur Versöhnung der nichtkommunistischen Mehrheit mit der Partei über den politischen Gräben von 1956 – stammte aus der Chruschtschow-Ära. Zum durchschlagenden Erfolg und zur Strategie wurde dieses Konzept erst unter Breschnjews Regime, zu dem es aber bereits in latentem Gegensatz stand.

Die ungarische Wirtschaftsreform wurde Mitte der sechziger Jahre vorbereitet und trat 1968 in Kraft – im Jahre der Besetzung der Tschechoslowakei. Sie begann damit praktisch als Reform des "knapp vergangenen Augenblicks". Denn ursprünglich sollte sie zu einer Gesellschaftsreform ausgeweitet und mit den Wirtschaftsreformen der sozialistischen Nachbarn gekoppelt werden. Ein Kernstück des nun schon reduzierten, aber dennoch erstaunlich erfolgreichen Reformprogramms war die Angleichung der Preise an die Produktionskosten. Budapest erhöhte die Preise gezielt, aber auch für die Preisreform war der Augenblick "gerade vergangen" – durch die polnischen Arbeiterunruhen vom Dezember 1970. Polens Arbeiter hatten sich gegen zu hohe Preise gewehrt, was der Sowjetunion einen tiefen Schock versetzt hatte. Moskau erhielt dadurch aber auch ein brauchbares Argument, entschiedener auf ein Abbremsen der ungarischen Reformpolitik zu drängen; eine abrupte, mißlungene Wendung wollte die Sowjetunion in Budapest allerdings unbedingt vermeiden, Janos Kádár machte noch einmal den "Zauber des müden Kompromisses". mit: Er leitete mit unauffälligen Reformkorrek-– turen das Ende seiner eigenen Ära ein.

Moskau wünscht keine Panik

Da Kádár selbst mit Hand anlegte, wird dieses Ende des liberalen Kommunismus nicht so schnell am Budapester Alltagsleben abzulesen sein. Für Moskau und Ostberlin sind die exponierten Reformer zwar aus dem Schaufenster genommen worden, für die ungarische Bevölkerung sollen die Schaufenster aber auch ohne Reformer möglichst voll bleiben. Viele Errungenschaften des "Neuen Wirtschaftsmechanismus" sind nicht einfach über Bord geworfen worden, sie werden mit Moskau aber jetzt genauer abgestimmt. Jeder Anflug einer Panik wurde vermieden, weil mit Kádár der Kapitän auch nach der Kursänderung auf dem Schiff geblieben ist – allerdings als letzter.