Wenn wir uns wiedersehn, wir werden lächeln. Ein Abschied. So schön und so lustig und so kläglich wie das, was mit ihm zu Ende geht. Auf der armen Bühne des Frankfurter TAT haben in den vergangenen acht Jahren – zuerst unter der gemeinsamen Leitung von Claus Peymann und Wolfgang Wiens, später gelenkt von Wiens und Wolfgang Deichsel – viele theatralische Merkwürdigkeiten sich begeben: die Uraufführungen der ersten Stücke Peter Handkes, eines der frühen Sprechstücke spielten Nackte; die Transvestitentruppe des Japaners Terayama hatte hier ihren ersten europäischen Auftritt; es gab eine "Aufführung, die sich selbst zerstört"; und Beuys kam mit einem Schimmel für Goethes "Iphigenie". Dann kamen leider die grauen, die unfrohen Jahre, als das TAT sich so organisieren wollte wie die "Schaubühne", damit ging es zuerst auch gut voran, aber später wurde nur noch geredet, geredet – soviel, daß in dieser, der letzten Saison (denn, nun kommt Fassbinder mit neuen Leuten) nur noch drei schmale, zerquälte Produktionen veröffentlicht werden konnten.

Das TAT war immer mitten drin – im Avantgardismus der sechziger Jahre und nachher, wohlmeinend und verzweifelt, in der allgemeinen Mitbestimmungsdebatte. Aber so ganz glücklich wurden die Ensembles halt nie. Zum Schluß wollte der Rest der letzten, auseinanderfallenden Gruppe noch einmal nachdenken über dies versäumte Glück, darüber, was immer gefehlt hat. Es war Rosa von Praunheims Gedanke: Eine Revue über die Schwierigkeiten von Schauspielern, sich als Schauspieler und als Personen – na, gut: zu verwirklichen. Auf Tonbändern sammelte Praunheim Lebensläufe, Bekenntnisse, Ansichten und Absagen der Mitglieder des Ensembles, der Kritiker des TAT und sogar des Kulturdezernenten der Stadt. Aber je ausführlicher die Vorbereitungen, in um so weitere Ferne rückte die Möglichkeit, das alles noch szenisch zu verarbeiten. Zwischendurch reiste Praunheim nach Hollywood, das, war der Sache auch nicht recht zuträglich. Man gab das Projekt auf.

Es wurde ersetzt durch einen Abend mit Gästen: Die sich mit einer eigenen Arbeit (über sich selbst) verabschieden wollten, beriefen Fremde in die letzte Show des alten TAT. Eine Glitzertreppe hinab geleitete Rosa von Praunheim Evelyn Künneke im geschlitzten, langen, weißen Kleid. "Ich präsentiere Ihnen", sagte die Rosa, so ernst und selbstgewiß wie Ed Sullivan, "ich präsentiere Ihnen: Evelyn Künneke." Die fing dann auch gleich an zu singen: "Haben Sie nicht ’nen Mann für mich", "Allerdings, sprach die Sphinx" und später, nun im langen Schwarzen, "Egon, Egon, Egon". Zwischen diesen Nummern sagte sie Sätze über ihr Leben: "Neben dem Ruhm stand immer die Einsamkeit und wartete, daß ihr Tribut gezollt würde"; oder: "Man ist nie zu alt für die Liebe und nie zu dumm, wie schon."

Eine alternde Ordinäre, traurig. Mit Dietmar Kracht (aus Praunheims Film "Die Bettwurst") riskierte sie ein etwas verwackeltes Duett, "Haben Sie schon mal im Dunkeln geküßt..." Verkrumpelte Erinnerungen an das Show-Milieu der vierziger und noch der fünfziger Jahre. Die Schäbigkeit der "Stars" von damals hat die fette, die häßliche, die unglaubliche Tally Brown (aus den Filmen Warhols), nach der Künneke auftretend und ihre Songs soviel amerikanisch-raffinierter verkaufend, fast peinlich spürbar gemacht. – Dann, nun noch mehr farbiger Glitzer auf der Bühne, wird ein gläserner Sarg hereingetragen, ihm entsteigt der Amsterdamer Transvestit Peter Schneider, auch er singt: zwischen Rosen, "La vie en rose"; ein wehes "Bitte geht nicht fort" widmet er der Künneke. Die sitzt nun auf einem Sofa und hat Tränen in den Augen. Das ausverkaufte Haus jubelt.

Man muß nicht darüber nachdenken, was das bedeuten soll, dieser arglose, ernst-sehnsüchtige Rücktritt in den Kitsch der frühen Jahre. Die Verwirrung in den Köpfen ist groß. In Frankfurt kämpfen sie mit der Polizei um besetzte Häuser, und die gleichen Leute halten es mit Rosa und Evelyn, machen mit bei der sonderbarsten Feier, mit der jemals ein Theater seinen Bankrott begangen hat. Das ist schon ein Pflaster hier. Links, verrottet, schwül, schwul, aber herzlich. Mein lieber Egon. Peter Iden