Cosima Wagner ist eine sadistische, nazistische Walküre in schwarzem Leder, mit Stahlhelm und Peitsche. Sie läßt Siegfried, sprich Gustav Mahler, durch Feuerreifen springen, aus einem Judenstern ein Schwert schmieden, einen Drachen töten und dessen Schweinekopf essen: Damit ist der Jude zum Katholizismus bekehrt, und dem Komponisten ist der Weg geebnet zur Wiener Oper. Behauptet Ken Russell.

Der britische Regisseur hat im Fernsehen bereits Richard Strauss und Claude Debussy, im Kino Peter Tschaikowsky als Vorwand für seine turbulenten, barocken und immer leicht überspannten Musikerfilme benutzt. „Mahler“ setzt dem allen die Krone auf:-Sein Leben und seine Musik als Assoziationsteppich für die explosive Phantasie eines Filmnarren, für knallige Bilder und grelles Spektakel, für ganz private, symbol überladene Visionen. Liebe und Tod, die Schöpfung und die Hölle liest Russell aus Mahlers Musik heraus, Pantheismus, Schizophrenie und Autobiographisches. Aber ob er mit dampfendem Realismus jüdisches Familienleben ausmalt, mit einem ironischen Filmzitat Viscontis „Tod in Venedig“ verspottet oder dem hypersensiblen Komponisten jenen Alptraum unterstellt, da er von SS-Offizieren, darunter der berühmte Husar seiner Frau Alma, genüßlich im Krematorium gekillt wird, während sie sich geil auf seinem Sarg windet: mit Russell, seinem überbordenden optischen Vokabular und seiner ziemlich bürgerlichen Vorstellung von begnadetem Künstlertum hat das alles sehr viel, mit Mahler sehr wenig zu tun.

Immerhin kann man über diese Kinoorgie empört oder begeistert sein (beides gibt es), während die Reaktionen auf fast alle Programme in Cannes dieses Jahr eher indifferent bis mürrisch ausfallen. Bis Redaktionsschluß standen Coppolas „The Conversation“, Pasolinis „1001 Nacht“, Rivettes „Celine et Julie“, Michel Drachs „Les Violons du bal“ noch aus. Aber das schwache Festival, und das heißt auch: ein relativ schwaches Filmjahr 1974, können auch sie nicht mehr retten.

Schon Fellinis „Amarcord“ – als Eröffnung – wurde nicht mehr so stürmisch gefeiert wie einst „Roma“. Kein Jahr der „großen“ Filme, kein Festival mit Ereignissen wie „Das große Fressen“, „La Maman et la putain“ oder „Schreie und Flüstern“. Statt dessen rechtschaffene, solide Filme, die sich längst vorformulierter Themen und Techniken versichern: eine Phase der Konsolidierung, des Solala.

Wenn ein Medium nervös und seismographisch auf gesellschaftliche Vorgänge, und zwar auf ein Klima, eine Stimmung mehr als auf direkte Ereignisse reagiert, so ist es der Film. Aber was sollte das Kino im Augenblick reflektieren, und was erregt das Publikum zur Zeit wirklich?

Der allabendliche, läppische Galazirkus vor dem und im Festivalpalast ignoriert die Fußballweltmeisterschaft und die französische Wahl ebenso wie die informationshungrigen und enttäuschten Kritiker oder die vorzugsweise mit Massen- und Schweinkramkino beschäftigten Käufer, Verkäufer und Voyeure. Und weiter: die meisten politischen Filmmacher haben den Mut verloren und an Durchschlagskraft eingebüßt. Die europäische Avantgarde, soweit sie hier überhaupt in Erscheinung tritt, zeigt sich früh vergreist und repetiert ihren ästhetischen Anarchismus als jeweils individuell patentiertes Markenzeichen. Die großen Ankläger, Aufklärer und Moralisten, schweigen sich aus.

Und schließlich: „Der Clou“ ist der Welterfolg des Jahres, und in der Bundesrepublik hat „Mein Name ist Nobody“ allein in den ersten vier Monaten 20 Millionen Mark eingespielt – so was zu erwähnen ist unfein für die Kritik, aber es indiziert mehr als eine bemühte Trendanalyse des größten Filmmarktes der Welt ein Jahr der Profis, die kommerziell auf Nummer Sicher gehen, und ein Jahr Hollywoods, das allein im Wettbewerb mit sechs Filmen vertreten war, Filmen von Robert Altman, Hal Ashby, Francis Ford Coppola, Robert Mulligan, Steven Spielberg und Robert Taylor. Bis auf Taylors mißglückte „Fritz the Cat“-Fortsetzung sind sie handfester Kintopp, erzählen eine klare Geschichte, sind gut Photographien, gespielt, kalkuliert. Bestimmt vier von ihnen erwartet eine weltweite Auswertung. Ein Triumph des soliden Kommerzkinos.