/ Von Barbara von Jhering

Djanet, im Mai

Mein Gastgeber Benhaoued machte eine Bewegung, als wische er sich ein lästiges Insekt vom Handrücken. "Ich suche keine Behörde mehr auf, niemanden. Ich warte." Benhaoued, der sein Alter mit 62 Jahren angibt, gehört zum Stamme der Tuareg, jenes Krieger- und Nomadenvolkes, das, gemessen an seinen heutigen Lebensumständen, immer mehr zum Mythos, zur Legende wird. Als einziger seiner Rasse lebt Benhaoued in Djanet im Süden Algeriens unter Iklans und Horratins – Negern, die sich die Tuareg entweder als Sklaven aus dem Sudan geholt hatten oder die freiwillig kamen, um den Kriegern die Landwirtschaft zu besorgen. 1962, nach der Erlangung der Unabhängigkeit, sind sie hier um ein ehemaliges französisches Fort angesiedelt worden.

Wir saßen in Benhaoueds Hütte, gebaut aus den Blättern der Tahlipflanze, auf Teppichen und Decken und tranken erst Ziegenmilch, dann Tee. Ein Freund der Familie hatte mich hierhergeführt. Er übersetzte die arabisch geführte Unterhaltung ins Französische. Unter sich sprechen die Tuareg eine eigene Sprache, das Tamachek. Gerade hatte uns Benhaoued ein Papier gezeigt, auf dem er den Verbleib seiner einst 50 Tiere starken Kamelherde notiert hatte: Chronik eines Niedergangs, symptomatisch für die Situation vieler seiner Stammesgenossen, von denen allein 15 000 nach dem Verlust ihrer Herden in einem Camp im Süden Algeriens leben und auf Unterstützung durch die Regierung angewiesen sind.

1965, bei den ersten Anzeichen der langen Trockenzeit, hatte Benhaoued den Niger verlassen. Seit zwei Jahren ist auch er zur Seßhaftigkeit gezwungen. "Männliches Dromedar, mit vernarbtem Ohr, an der Grenze zurückgelassen", stand für 1965 auf dem Papier. Oder: "Weibliches Kamel, von weißer Farbe, in der Nacht gestohlen." Bei jedem Tier war ein – jeweils anderes – Zeichen vermerkt. Einige hatten Krankheiten, die meisten waren verdurstet. Heute besitzt er noch drei Dromedare, ein paar Ziegen und zwei Esel und gilt damit als reichster Mann im Dorf.

Da er es ablehnt zu arbeiten,, ist er auf die Versorgung mit Naturalien durch die Regierung angewiesen. In den Jahren des Nomadisierens hatte er es beharrlich abgelehnt, seine Kinder in die Schule zu schicken, wie er sagt, um unabhängig zu bleiben. Sein Sohn, Moulay Ben Benhaoued, will sich jetzt als Eseltreiber bewerben – um den Touristen, die zum nahen Hochplateau aufsteigen, das Gepäck zum Camp zu bringen.

Die Regierung in Algier versucht seit einigen Jahren mit Hilfe einer kostenlosen Internatserziehung für Nomadenkinder, die Tuaregstämme seßhaft zu machen. Offiziell gibt es kaum noch Nomaden. Aber mir wurden inoffizielle Schätzzahlen zwischen zehn- und dreißigtausend genannt. Wir selber sahen, was wohl selten ist, zwei Karawanen von rund dreißig Dromedaren mit jeweils fünf Begleitern. Sie hatten in Djanet Vorräte gekauft und zogen nun zurück zum Niger. 25 Tage würden sie unterwegs sein.