Daraus "geht hervor, daß die Rezensenten oder die Kritiker, um das feinere Wort zu verwenden, das Buch nicht gelesen haben". So Uwe Johnson vor kurzem in einem Interview über seinen Roman "Jahrestage". Wer zur Zeit den einander jagenden Premieren von Peter Handkes neuem Stück "Die Unvernünftigen sterben aus" hinterherreist, liest in der Pause die Programmhefte, und daraus geht hervor, daß die Theaterleute oder die Dramaturgen, um das feinere Wort zu verwenden, ihren Handke nicht gelesen haben. Brav schleppen sie einen Fehler mit, der Uwe Schultz in seiner Handke-Monographie unterlaufen ist (Friedrichs Dramatiker des Welttheaters 67; Velber, 1973).

Nur drei Buchstaben, ein winziges Umstandswort, überliest Schultz in Handkes Erzählung "Wunschloses Unglück", zieht aus dem falsch verstandenen Satz aber Schlüsse, die den Sinn der Erzählung und ein bedeutsam biographisches Moment der Entwicklung Handkes zum Schriftsteller auf den Kopf stellen. Bei Schultz – und ihm folgend in den Programmheften – liest man: "Erste Literaturkenntnisse gehen auf die Mutter zurück: ‚Sie las mit mir, zuerst Fallada, Knut Hamsun, Dostojewski, Maxim Gorki, dann Thomas Wolfe und William Faulkner’." Handke aber schreibt: "Sie las mit mir mit..."

Erste Literaturkenntnisse gehen also keineswegs auf die Mutter zurück, sondern umgekehrt: die Mutter kommt über den Sohn erst zur Literatur, die der Gymnasiast und spätere Student ins Haus bringt. Wäre Handke wirklich von der Mutter schon mit Dostojewski, Gorki, Faulkner gepäppelt worden – seine Literatur sähe anders aus. Er hätte wohl auch die Erzählung "Wunschloses Unglück" – über den Selbstmord der Mutter, im Alter von 51 Jahren – nicht schreiben müssen. Wenn der Sohn berichtet, wie die Mutter gelesen hat, wird deutlich, daß die Bekanntschaft mit Literatur in einem früheren Stadium dieser Frau hätte helfen können: "Sie las mit mir mit... Sie las jedes Buch als Beschreibung des eigenen Lebens, lebte dabei auf; rückte mit dem Lesen zum erstenmal mit sich selber heraus; lernte von sich zu reden ... Beim Lesen versank sie und tauchte mit einem neuen Selbstgefühl wieder auf. ‚Ich werde noch einmal jung dabei.‘"

Und weil daraus hervorgeht, wie lebenswichtig das geschriebene Wort, die Literatur, sein kann, soll das kleine Wort "mit", auf dessen versehentliche Unterschlagung sich bereits eine falsche Legende zu gründen beginnt, hier nachgetragen sein.

Rolf Michaelis