Immerhin lassen die Personalquerelen, die der Nominierung vorausgingen, darauf schließen, daß der Bonner Dienstherr gern einen politischen Gesinnungsfreund – sprich: einen Parteigenossen – auf dem Stuhl des obersten Anklägers gesehen hätte. Zunächst war der Senatspräsident am Bundesgerichtshof Gerd Pfeifer im Gespräch, der ebenso abwinkte wie Ministerialdirektor Krüger, Leiter der Strafrechtsabteilung beim Bundesjustizministerium in Bonn – beide Sozialdemokraten. Schließlich favorisierte Justizminister Gerhard Jahn den in der Öffentlichkeit ganz unbekannten Bremer Senatsdirektor Wilhelm Schneider, ebenfalls SPD. Offenbar tat der Minister es ohne genügende Fühlungnahme mit der Opposition, die im Bundesrat zustimmen muß und dort über die Mehrheit verfügt. Diesmal winkte die CDU/CSU ab.

Erst das drohende Veto der Ländermehrheit ließ die Bonner auf den naheliegenden Gedanken kommen, sich unter den sechzehn amtierenden Bundesanwälten selber nach einem geeigneten Nachfolger für Ludwig Martin umzusehen. Bei Siegfried Buback verband sich Glück mit Verdiensten, die ihn empfahlen: Als die Frage der Nachfolge anstand, führte ihn just der Fall Julius Steiner, den er bei der Bundesanwaltschaft bearbeitet, des öfteren nach Bonn. Gegen den ehemaligen CDU-Abgeordneten ist auch nach Abschluß der parlamentarischen Untersuchung noch immer ein Ermittlungsverfahren anhängig, weil er fast ein Jahr lang Kontakte zum DDR-Geheimdienst unterhalten hatte, ehe er sich dem Verfassungsschutz anvertraute.

Die Bonn-Besuche aus Anlaß der Steiner-Affäre rückten Buback ins politische Blickfeld, dem er sich bis dahin eher entzogen hatte. Er besitzt kein Parteibuch, gilt als unpolitisch und pflegt dieses Image, das er sich in den drei Jahren als Sprecher der Behörde am kurzen Zügel Martins nicht ganz freiwillig erworben hat. Seine Talente als Ermittler sind unbestritten.

Daran erinnerte man sich nun auch im Justizministerium. Im Frühjahr 1969 hatte Buback nach monatelanger, zunächst hoffnungslos erscheinender Suche die beiden Soldatenmörder von Lebach gefaßt. Der Erfolg war nicht zuletzt seiner für einen Staatsanwalt unkonventionellen Fahndungsmethode zu danken. Statt vom Karlsruher Dienstzimmer aus dirigierte er seinen Einsatzstab am Tatort. Von Januar bis Mai war Buback in der Lebacher Kaserne, kampierte auf einem Feldbett und ging nachts mit den Hundeführern Streife, als das Gerücht aufkam, die Täter planten einen zweiten Anschlag.

1970 machte Buback die drei Agenten dingfest, die eine Sidewinder-Rakete von einem Bundeswehrflugplatz gestohlen und in Einzelteilen per Post nach Moskau expediert hatten. Im Fall des Wissenschaftsspions Josef Eitzenberger, gegen den er in Wiesbaden die Anklage vertrat, ging ihm einmal die Zunge durch. Als der Angeklagte, auf seine häufigen Gespräche mit russischen Kontaktleuten in Wien angesprochen, sich damit verteidigte, schließlich habe auch der Bundeskanzler als Geheimnisträger in Moskau mit sowjetischen Geheimnisträgern gesprochen, ohne in Verratsverdacht zu geraten, meinte Buback ironisch: „Hoffentlich weiß Brandt nicht allzu viel.“ Das brachte ihm die Aufforderung seines Chefs Martin zu dienstlicher Stellungnahme ein. Der „General“ schluckte den Spaß („bestenfalls ein Ausrutscher“), band dafür aber den Pressesprecher Buback noch kürzer an als zuvor.

Die bisherige Karriere des neuen Generalbundesanwalts verlief, gemessen an den Erfolgen seiner Arbeit, ungewöhnlich langsam. Er gehört zwar zu den Senioren der Karlsruher Behörde – schon 1962 nahm er an den Ermittlungen gegen den Spiegel in Hamburg teil –, mußte sich aber viel länger als andere in unteren Chargen bewähren, Der zweite Karlsruher Behördenchef Güde hatte ihn schon 1959 von der Staatsanwaltschaft beim Oberlandesgericht Celle nach Karlsruhe geholt. Doch dort wurde er 1963 zum Oberstaatsanwalt und erst im April 1971, mit 51 Jahren, zum Bundesanwalt befördert.

Siegfried Buback machte nicht den Eindruck, als habe er unter der Zurücksetzung hinter viele seiner Amtskollegen gelitten. Er war immer ein Mann der Front; das Feldbett von Lebach paßt besser zu ihm als Robe und Repräsentation. Auch die ihm angetragene, niemals angestrebte Kandidatur für das Amt des Chefanklägers nahm er gelassen hin, fast ein wenig mit Bedauern. Der Generalbundesanwalt Buback wird nun nicht länger seinen kriminalistischen Neigungen nachgehen, nicht mehr wochenlang vor Ort ermitteln und Spione und Saboteure mit eigener Hand dingfest machen können.