Von Roger Anderson

Hans-Joachim Weyland pfeift am liebsten auf einer Balilla, die er sich vor drei Jahren aus Mailand mitbrachte und die wegen ihres schrillen Tons vorzugsweise von der italienischen Polizei verwendet wird. Sie ist durch eine 70 Zentimeter lange Doppelkordel mit einer schwarzen Ersatzpfeife verbunden. Die Kordel, deren Länge dem Umfang eines vorschriftsmäßig aufgepumpten Fußballs entspricht, schlingt sich Hans-Joachim Weyland vor dem Spiel ums Handgelenk, auf der eine Armbanduhr mit eingebauter Stoppuhr tickt. Eine weitere Stoppuhr, die bei längeren Spielunterbrechungen gedrückt wird, zeigt in der Hosentasche die Zeit an. Dermaßen gerüstet, wird Schiedsrichter Weyland auch bei der kommenden Weltmeisterschaft auf den Platz laufen.

Der Referee aus dem Revier ist 44 Jahre alt, 94 Kilo schwer, 1,92 Meter groß und trägt das Kinn nach oben: ein Monument von einem Mann mit einem stillen, freundlichen Gesicht, mit Lachfalten in den Augenwinkeln und mit jener guten Art von Autorität ausgestattet, die ein Landwirt verbreitet, wenn er über seinen Acker geht.

Hans-Joachim Weyland, wohnhaft in Oberhausen, ist seit 25 Jahren Schiedsrichter, von den 52 Wochenenden eines Jahres ist er höchstens an fünf Tagen zu Hause. An diesem Sonntag, wenige Wochen vor der Weltmeisterschaft, trifft sich Weyland um 12.30 Uhr mit den Linienrichtern Schnabel und König am Hotel Ruhrland in Oberhausen. Gemeinsam fahren sie nach Remscheid, wo sie um 15 Uhr das Punktspiel des örtlichen VfB gegen den Rheydter Spielverein leiten sollen. Die Einheimischen haben noch Chancen, Meister zu werden – wenn sie gewinnen. Eine harte Auseinandersetzung ist zu erwarten.

Um 13.40 Uhr treffen die drei im Stadion ein. Sie schlendern über den Platz, prüfen die Tornetze, schauen danach, daß die Eckfahnen nicht zu niedrig flattern, und machen noch einen kleinen Spaziergang. „Vor Bundesligaspielen“, sagt Weyland, „lege ich mich eine Stunde hin und versuche, mich zu entspannen.“ In Remscheid benutzt er die Zeit, um sich mit seinen Linienrichtern abzustimmen. „Paß auf“, erklärt er den Trick, „wenn du siehst, daß im Strafraum gefoult wurde, dann lauf sofort zur Eckfahne!“ Die Zuschauer dürfen sich nachher getrost über die guten Augen des Schiedsrichters wundern.

Weyland, von Beruf Personalchef in einem Gelsenkirchner Kaufhaus, sagt: „Schiedsrichter setzen sich aus einem Detektiv, einer Kindergärtnerin, einem Oberlehrer und einem Schuhmacher zusammen.“ Ihm spukt noch immer der Pfiff seines Kollegen Aldinger beim Spiel des FC Bayern im Kopf herum. „Fünf von uns“, überlegt er laut, „hätten den Elfmeter gegeben, fünf nicht.“ Zweifel darüber, wie Schiedsrichter Weyland in diesem Fall entschieden hätte, kommen nicht auf. Er sei, sagt er, stets für ein faires, aber körperbetontes Spiel.

Im Umkleideraum des Remscheider Stadions steht ein langer Tisch mit Stühlen, neben der Tür ist die Dusch- und Klokabine. Ein Funktionär des Vereins bringt eine Kanne Kaffee und einen Satz Pappbecher: „Weil die Bundesligaschiedsrichter in der Kreisklasse doch immer so laufmüde sind ...“