Im reichen Europa gibt es bettelarme Europäer. Das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit ist an ihnen vorübergegangen. In lockerer Folge wird ZEIT-Reporter Leonhardt die Armenhäuser Europas vorstellen diesmal Kalabrien im Süden, als nächstes Schottland im Norden.

Von Rudolf Walter Leonhardt

Wie so viele italienische Gespräche war auch die lange Unterhaltung mit dem Parteisekretär der Christlichen Demokraten in Catanzaro ein Monolog: Dottore Mario Tassone sprach im Hundert-Wörter-pro-Minute-Tempo; mir gelang es nur alle, fünf Minuten einmal, die Höhenflüge seiner bewundernswerten Rhetorik zu kurzen Notlandungen auf dem Boden der Tatsachen zu zwingen.

Die Tatsachen sind:

1. Von allen Regionen Süditaliens, des Mezzogiorno, ist Kalabrien, die auf Sizilien stoßende Spitze des italienischen Stiefels, die ärmste. So jedenfalls will es eine Statistik der Europäischen Gemeinschaf die sich am Bruttosozialprodukt pro Einwohner orientiert. Nimmt man den europäischen Durchschnitt als 100, dann erreicht Hamburg mit 209,6 den höchsten Meßwert, Kalabrien mit 33,2 den niedrigsten. Daß diese Statistik Raum für Zweifel läßt, wissen die Statistiker selber.