Doch gerade damit hatten die Stuttgarter nur geringen Erfolg. Ihre erste Überlegung, lange vor Courths-Mahler-Renaissance und Nostalgie, war der Wunsch, in die übliche Programm-Monotonie von Sozialkritik, Arbeits- und Alltags-Realismus eine neue Farbe zu bringen. Die Serie bot sich dann aus Gründen der Rationalität an. Alle fünf Filme sind inzwischen gedreht. Nach dem Rührstück („Eine ungeliebte Frau“) und der Schauerballade („Griseldis“) folgen noch die Theater-Farce „Der Scheingemahl“, der patriotische Schmöker „Die Kriegsbraut“ und das Märchen „Die Bettelprinzessin“.

Die Stuttgarter geben zu, noch nie so unsicher gewesen zu sein, wie eine Sache ankommen werde beim Publikum. Ihr Verdacht: Viele mögen es, genieren sich aber, das zuzugeben. Sie wußten, daß man mit naivem Illusionismus an diese Romane nicht herangehen konnte, daß die Parodie dagegen zu billig und nach zehn Minuten auch langweilig wäre (Praunheim und Schroeter haben das hinreichend bewiesen), daß eine sozialkritische Aktualisierung, wie das ZDF sie mit der „Alten Mamsell“ der Marlitt versuchte, bei allem guten Willen unmöglich blieb. Also konnte man nur die Künstlichkeit der Vorlagen erhalten und zeigen.

Kann man das und dabei auch das clevere Strickmuster dieser Massenproduktionen, ihre Mechanismen und Funktionsmodelle offenlegen? Süffig-genüßlicher Schmus mit kritischen Implikationen, Kitsch kulinarisch serviert und aufklärerisch zitiert? Man kann. Tom Toelle ließ die Figuren in der „Ungeliebten Frau“ immer wieder in schwelgerischen Arrangements erstarren, Schmachtposten mit Ausrufezeichen, wozu das gedämpfte Saitenspiel der Texte zu Gefühlsorganen anschwoll und so Distanz schuf.

„Griseldis“, mehr Dur als Moll, fast atemlos mit Handlung vollgestopft, läßt sich so kühl und formalistisch nicht bewältigen. Peter Beauvais hat sich, wie Toelle, ganz ernsthaft auf den Stoff eingelassen, ihn geschickt gerafft und mit großer Delikatheit inszeniert, wobei sich das Schloß Vinsebeck bei Detmold als besonderer Glücksfall erwies. Erinnerungen, Rückblenden, kurze Wunschbilder, in Schwarzweiß und wie alte Stummfilme gedreht, halten wie der Stil des ganzen Films geschickt die Waage zwischen ungetrübtem Vergnügen und Parodie, Seufzen und Grinsen. Beauvais: „Ich habe großen Spaß an der Geschichte gehabt und alle Gefühls- und Spannungswerte voll ausgespielt. Zwei Romane habe ich abgelehnt, aber Griseldis ist von unerhörter Phantasie und großartig konstruiert. Die Reaktion wird hoffentlich Freude sein, Belustigung, ein legitimer Spaß. Sechs Wochen lang hart arbeiten an einem Stück, nur um zu beweisen, daß die Vorlage von einer schlechten Autorin stammt, das hielte ich für Blödsinn. Die gute Courths-Mahler bricht unter allzu viel Theorie zusammen, denn mit Intellekt hat sie wirklich nichts zu tun.“

Sie nicht, aber legitimerweise jene Kritik, die dem gläubigen Konsum der Nostalgieprodukte mißtraut und nach den Relationen sucht von Courths-Mahler, Melodram und neuem Kitschbedürfnis hier, Restauration, sozial-liberalem Biedermeier und politisch-intellektueller Müdigkeit dort. Kitsch ist nicht Wirklichkeit, aber ein Interpretationsmodell von Wirklichkeit, eine Perzeption, die unser aller Bedürfnis nach Einfachem, Unkompliziertem, Banalem schmeichelt: ein Arsenal verdrängter kollektiver Sehnsuchtswelten, „papierene Tagträume“ (Walther Killy), die fest zu unserem seelischen Haushalt gehören und gefährlich nur durch die Ideologie werden, die sie im Schlepptau von imaginärer Wunscherfüllung und simulierter Realitätsbewältigung bergen.

Die Kitschdiskussion seit Ernst Bloch (1930), über Karlheinz Deschner (1957), Killy (1962), Hermann Broch (1969) bis zu Gerd Ueding („Glanzvolles Elend“, 1973) hat zu stark die Poetik des Trivialen und zu wenig die Tatsache berücksichtigt, daß Kitsch und Kolportage „ein gesellschaftliches Produkt“ sind, „Ausdruck manipulierter Bedürfnisse und deren scheinhafter Befriedigung“ (Ueding). Hier könnte auch die Kritik an der Courths-Mahler-Serie ansetzen, statt noch immer den guten Geschmack zu bemühen.

Wolf Donner