In Stanford, Berkeley, Yale und anderswo an amerikanischen Universitäten gibt es sie immer noch, die „Casablanca“-Klubs einer gläubigen Gemeinde. Nachtklubs und Restaurants haben sich nach dem Film benannt, eine ziemlich teure Kneipe in Philadelphia präsentiert sich mit einer authentischen Rekonstruktion von Humphrey Bogarts „Rick’s Café Américain“. An der Universität von Illinois ist eine Dissertation über „Casablanca“ angenommen worden, Woody Allen widmete der langlebigen Faszination des Films seine Satire „Play it again, Sam“, die am Broadway und später im Kino einen riesigen Erfolg feierte. Und Howard Koch, einer der Autoren von „Casablanca“, brachte 1973 zum dreißigjährigen Geburtstag des Films ein Buch mit dem Titel „Casablanca – Script and Legend“ heraus.

Eine Legende ist „Casablanca“ ganz gewiß geworden. Kein anderer amerikanischer Film hat seine Popularität so mühelos über die Jahrzehnte gerettet, über keinen Film – mit der möglichen Ausnahme von „Citizen Kane“ – wurde mehr geschrieben.

Das romantische Kriegsmelodram von Michael Curtiz, 1942 gedreht und Anfang 1943 gestartet, als gerade die Casablanca-Konferenz zwischen Roosevelt und Churchill stattfand und den Film unfreiwillig in die Schlagzeilen brachte, ist immer noch Amerikas Lieblingsfilm: Inbegriff des Bogart-Kults, Inbegriff des Hollywood-Kinos der vierziger Jahre.

Bogart spielt den rauhen zynischen ,,loner“ Rick, der sich schließlich doch als Patriot erweist und selbst seine große Liebe zu Ingrid Bergman der noch größeren Sache opfert. Die Dialoge zwischen den beiden gehören längst zur amerikanischen Folklore, ebenso wie Dooley Wilsons unendlich melancholisches Lied „As Time Goes By“ und der finale Satz des Films: „Louis, I think this is the beginning of a beautiful friendship“, sagt Bogart zu seinem Gegenspieler, dem französischen Captain Claude Rains, als das Flugzeug mit Ingrid Bergman und dem berühmten Widerstandskämpfer Paul Henreid im Nebel verschwindet. Diese Bemerkung veranlaßte übrigens einen der Exegeten des Films, „Casablanca“ als homosexuelle Phantasie zu interpretieren.

In der von Zigarettenrauch verhangenen, mit Verrat, Verzweiflung, Heroismus und vaterländischem Trotz prall gefüllten Atmosphäre von „Casablanca“ geben sich deutsche Emigranten ein Stelldichein: Conradt Veidt als Nazi-Offizier, Curt Bois in einer winzigen Nebenrolle als Taschendieb, Peter Lorre als Schieber, Ludwig Stossel als Flüchtling. Von den zwanzig Hauptrollen des Films werden nur vier von Amerikanern gespielt.

„Casablanca“, nach wie vor das wohl eindruckvollste Beispiel für die verschwundenen Tugenden des klassischen amerikanischen Atelierkinos, traumhaft perfekt inszeniert und gespielt, lief in den fünfziger Jahren bei uns in einer verstümmelten Fassung, die die Propagandaelemente des Films unterschlug. Jetzt kommt das Meisterwerk von Michael Curtiz wieder in die Kinos, leider immer noch in der gleichen verfälschten Version. Doch auch die Originalfassung, die häufig in den Dritten Fernseh-Programmen zu sehen ist, steht für den Kino-Einsatz zur Verfügung. Die ARD-Filmredaktion will „Casablanca“ demnächst in einer integralen, neu synchronisierten Fassung zeigen.

Hans C. Blumenberg