Mit explosiver Ladung

Von Grit Porsch

Katastrophenalarm trieb die Bewohner des schwäbischen Dorfes Obersulm-Willsbach am 16. Februar frühmorgens aus den Betten. In der engen Ortsdurchfahrt war ein Tanklastzug umgestürzt und leckgeschlagen. Seine Ladung, 36 000 Liter Benzin, floß in die Kanalisation und weiter in das Flüßchen Sülm. Ein Funke hätte genügt, um das Dorf in die Luft zu jagen. Deshalb ließ die Polizei 20 Wohnhäuser räumen und die Bundesstraße absperren. Feuerwehrleute und Wasserwirtschaftsfachleute waren an diesem Samstag voll beschäftigt, um den Treibstoff aus dem Kanalisationsnetz zu spülen. Vierzehn Stunden nach dem Unfall war die Explosionsgefahr gebannt. Obersulm war mit dem Schrecken davongekommen.

Glück hatten auch die Bewohner des Gelsenkirchner Stadtteils Schalke. Ein Tanklastzug mit Salpetersäure war bei einem Unfall auf regennasser Straße schwer beschädigt worden und verlor 9000 Liter seiner gefährlichen Ladung. Die Salpetersäure floß in die Kanalisation und in die Emscher. Sofort bildeten sich beißende, giftige Dämpfe in den Straßen und in den Kellern der umliegenden Gebäude. Wohnungen, Büros und Fabrikhallen mußten für mehrere Stunden geräumt werden. Doch niemand kam zu Schaden. Dauerregen hatte die auslaufende Säure verdünnt.

Schwere Lastzüge mit gefährlicher Fracht fahren auch weiterhin durch Obersulm und Gelsenkirchen. Sie rollen über das dichte Netz deutscher Straßen und Autobahnen. Allein über 30 Millionen Tonnen Chemikalien wurden 1972 im innerdeutschen Straßenverkehr befördert. Nicht gerechnet die 90 Millionen Tonnen Benzin und Heizöl, die im gleichen Zeitraum von Tanklastern innerhalb der Bundesrepublik transportiert worden sind.

Täglich – so Schätzungen des Bundesverbandes des Güterfernverkehrs – sind allein rund 3000 Spezialtankfahrzeuge mit giftigen, ätzenden, leicht entzündbaren oder explosiven Chemieprodukten auf Achse. Sie fahren im dichten Ferienverkehr auf den Autobahnen und auch bei Nebel, bei Glatteis und im Schneetreiben.

Europäische Fachleute haben einen Katalog gefährlicher Stoffe zusammengestellt, der zehntausend Chemikalien enthält. Er veraltet praktisch jeden Tag ein wenig, denn die chemische Industrie bringt ständig neue Verbindungen auf den Markt. Die Nachfrage nach den gefährlichen Chemikalien wächst schnell: Kunststoff- und Textilindustrie benötigen sie ebenso wie die Produzenten von Farben, Lacken, Klebstoffen, von Autoreifen, Pestiziden und Unkrautvertilgungsmitteln. Auch Mineralölfirmen und Reinigungen werden ständig mit Chemikalien beliefert, die für Menschen lebensgefährlich sind, sobald sie mit ihnen in Berührung kommen.

Feuerwehr und Polizei sind bemüht, ihr "Handbuch gefährlicher Güter" möglichst auf dem neuesten Stand zu halten. Dieses Nachschlagewerk, eine Loseblattsammlung, enthält rund 400 gefährliche Chemikalien mit den jeweils gebräuchlichen Bezeichnungen in deutscher, englischer und französischer Sprache. Außerdem gibt es Auskunft über Bergungsmethoden, gesundheitliche Gefahren, Erste Hilfe und Transport- und Gefahrenklassen.

Mit explosiver Ladung

In der Bundesrepublik gibt es bislang keine Instanz, die umfassend über dieses brisante Frachtgut und die Verkehrsfrequenzen der Transportfahrzeuge auf bundesdeutschen Straßen informiert ist. Nicht einmal dann, wenn es knallt, wird gezählt: Eine Statistik, die Unfälle und Unfallursachen von Fahrzeugen mit gefährlicher Ladung erfaßt, gibt es nicht, weder beim Bundesverkehrsministerium noch beim Verband des Güterfernverkehrs, es gibt nur Schätzungen.

Das Bundesverkehrsministerium ist seit 1970 bemüht, das besonders hohe Katastrophenrisiko beim Straßentransport gefährlicher Güter einzugrenzen. Erst seit dem 23. Juli 1970 besteht überhaupt eine Genehmigungspflicht für den Transport von brisantem Ladegut.

Fahrzeuge, die Giftiges, Explosives, Brennbares oder Ätzendes im Tank, in Fässern, Flaschen, Kisten und Druckbehältern geladen haben, sind seitdem von den übrigen Verkehrsteilnehmern leicht zu unterscheiden. An Heck und Kühler tragen sie eine orangegelbe Metallplatte. In den Frachtpapieren muß zudem die allgemein gebräuchliche chemische Bezeichnung der Ladung aufgeführt sein. Ein zweiter Frachtbrief wird in einem feuerfesten Kasten an der Heckplatte verstaut, damit Polizei und Feuerwehr bei einem Unfall auch dann sachgemäß helfen können, wenn die Fahrerkabine nicht mehr zugänglich ist. Ein Merkblatt soll darüber hinaus den Fahrer über die Eigenschaften des Ladegutes, seine Gefährlichkeit und über Notmaßnahmen informieren.

Viele Firmen tun ein übriges und schulen die Fahrer, die ständig mit gefährlicher Fracht unterwegs sind, in Kurzlehrgängen. Erste Hilfe und einschlägige Rechtsverordnungen werden, ebenso gepaukt wie der Umgang mit den Chemikalien. Bislang ist jedoch kein Fahrer gesetzlich zur Teilnahme an diesen Kursen verpflichtet, und niemand kann ihn zwingen, sich regelmäßig einer Kontrolle seines Gesundheitszustandes zu unterziehen. Lediglich die Fahrzeuge müssen in regelmäßigen Abständen überprüft werden.

Eine neue "Gefahrgut-Verordnung" vom 1. Juli 1973 enthält eine Reihe von Beschränkungen für den Transport von Munition, Sprengstoffen und Druckgasen. Die Straßenverkehrsbehörden können die Beförderung auf bestimmte Zeiten (nicht am Wochenende und nicht im Berufsverkehr) festsetzen und die Benutzung bestimmten Straßen untersagen, wenn diese etwa durch ein Wasserschutzgebiet oder an "Kunstbauten" vorbeiführen. Gibt es in der Nähe von Versender und Empfänger gefährlicher Stoffe einen Gleis- oder einen Hafenanschluß, dann wird der Transport per Bahn oder per Schiff gefordert.

Anders als bei Bahn- und Schiffstransporten lassen sich Güter- und Personenverkehr auf der Straße nicht trennen. Möglichst sichere Verpackungsmaterialien, Transportbehälter und Fahrzeuge sowie eine wirksame Kontrolle der bestehenden Vorschriften könnten zur Zeit das enorme Risiko beim Transport gefährlicher Güter noch am ehesten einschränken.

Der Verband des Güterfernverkehrs, ohnehin wegen der ungeliebten "dicken Brummer" um Imagepflege bemüht, spricht sich ebenfalls für ein Höchstmaß an Sicherheit für die brisanten Transporte aus. Auch seien die Vorschriften noch nicht streng genug, denn die Dunkelziffer derjenigen Transportunternehmer, die schnell mal ohne Genehmigung und ohne geeignetes Fahrzeug gefährliche Ladung verfrachten, liegt hoch.

Mit explosiver Ladung

Solange aber bei Verstößen gegen die "Gefahrgut-Verordnung" allenfalls mit Geldbußen von 500 Mark zu rechnen ist, so lange mag noch mancher Spediteur das Risiko eingehen und bereitwillig eine lukrative, aber unsachgemäß transportierte Fuhre über Land karren.

Einen schärferen Bußgeld- und Strafkatalog sieht der neue Gesetzentwurf über die Beförderung gefährlicher Güter vor, den die Bundesregierung im Oktober letzten Jahres vorgelegt hat. Darin sind Geldbußen bis zu 100 000 Mark vorgesehen. Wer durch vorschriftswidrigen Transport brisanter Chemikalien Mensch, Tier oder Umwelt gefährdet, dem drohen darüber hinaus längere Haftstrafen; Das Parlament wird in einigen Wochen in erster Lesung über dieses Gesetz abstimmen.