Claude Chabrol ist aus dem bürgerlichen Salon auf die Straße gegangen; aus seinen kleinen Mördern und Ehebrechern sind politische Anarchisten geworden, aus seinen süffisanten Melodramen über die gepflegte Scheußlichkeit der Bourgeoisie böse, rüde, aggressive Karikaturen schleimiger Volksvertreter. Und der sarkastische, oft ätzende Spott über die französische Oberschicht, ihren latenten Hang zur Kolportage, ihre schönen Morde und sympathischen Monster – in „Nada“, Chabrols letztem Film, gipfelt er in wütendem, hilflosem Zorn über ein wahnwitziges Polizei-Massaker.

Die Gruppe Nada („Nichts“), sechs sehr verschiedene, desillusionierte, untereinander keineswegs einige Anarchisten, entführt den amerikanischen Botschafter in Paris aus einem halboffiziellen, plüschigen Luxus-Bordell auf einen einsamen Bauernhof. Die Polizei findet sie bald, opfert den Politiker und stürmt das idyllische Gehöft im Großeinsatz. Der leitende Kommissar, wegen der unpopulären Affäre strafversetzt, sucht den einzigen Entkommenen auf eigene Faust weiter; sie erschießen sich gegenseitig vor den Augen eines jungen Philosophie-Professors, der sich von der Gruppe abgesetzt hatte.

Chabrols Ausbruch, dem von Godard mit „Weekend“ (1968) vergleichbar, kommt nicht unvorbereitet. Seinen vielen Filmen seit 1968 („Die untreue Frau“, „Das Biest muß sterben“, „Der Schlachter“, „Der Riß“, „Vor Einbruch der Nacht“, „Der zehnte Tag“) hatte man immer wieder ihre bei allem Zynismus doch recht unterhaltsame Glätte vorgeworfen, ihre kalte, aber gepflegt und gefällig servierte Lust an der Trivialität, der schwülen Erotik, an seinen sentimental-perversen Ungeheuern im Spießergewand. Aber „Doktor Popaul“ (1972) war bereits weniger subtil als grob und grell, eine rabiate Farce mit einem geilen, gierigen, zynischen, vulgären und brutalen Titelhelden (Jean-Paul Belmondo). Und „Blutige Hochzeit“ (1973), eine hanebüchene Moritat unter Würdenträgern in der französischen Provinz, zeigte den Sex kaum noch dezent, die Morde weniger harmlos, verständlich und nachvollziehbar, vor allem aber führte dieser Film einen Bürgermeister und Parlamentsabgeordneten vor, der, impotent, machtgierig, korrupt, skrupellos, wirklich nichts Liebenswertes mehr an sich hatte wie Chabrols frühere verschämte Filous und arglose Killer; er war nur noch ein aufgeblasener Widerling.

In dem Maße, wie Chabrol in seinen letzten Filmen Pathos und Kitsch, die Leidenschaften und Untaten immer stärker outrierte, ergänzte er zugleich seinen eleganten, amüsanten, dekadenten Menschenzoo des Großbürgertums um die politische Karikatur. Wie jener Bürgermeister überlegt auch der Innenminister in „Nada“ zuerst, ob sich aus einer Affäre nicht politisches Kapital schlagen lasse. Eine tumbe Schranze, residiert er wie ein Fürst auf einem Schloß, bricht nachts mit dem Hubschrauber bei Illuminationen von barockem Ausmaß in die Metropole auf. Die Öffentlichkeitsarbeit ist das einzige, was ihn interessiert, die Verantwortung überläßt er ängstlich und unsicher den unteren Chargen. Und die sind wie er: ehrgeizig, gewunden, heuchlerisch, gerissen, schamlos im Spiel mit der Volksmeinung und dem eigenen Image, unterwürfig nach oben und steif bramarbasierend nach unten.

Chabrol zeigt, wie solche Typen aus Feigheit, Bequemlichkeit und bloßer Taktik dann auch einmal beschließen, ein paar Störenfriede zu eliminieren; wie dieser gespenstische, heimtückische, monströse Offiziellen-Reigen ganz automatisch sich in einer starren, eisigen, staatlichen Tötungs- und Vernichtungs-Maschinerie fortsetzt.

Das wirkt um so erschreckender, als sich in der Anarchisten-Gruppe gerade behutsam eine Liebschaft, Solidarität und Kameraderie entwickelten und die Anarchisten den Zuschauern sympathisch zu werden begannen.

Deutlich jedoch verurteilt Chabrol beide Seiten. Diese Anarchisten sind frustrierte, einsame, kaputte Leute: Nihilisten ohne jene pragmatische, ideologisch abgesicherte Verbissenheit, die Costa Gavras in seinem thematisch vergleichbaren Film „Der unsichtbare Aufstand“ den Attentätern zugestand. „Ich bin gegen die Gewalt“, sagt Chabrol, „die Gewalt von Terroristen, die manchmal aus edlen Motiven erfolgt, und die manchmal unproportionierte Gewalt der Repression. Ich bin gegen das absurde Räderwerk, das zur Eskalation auf beiden Seiten führt.“