DIE ZEIT

Ein Tag für Europa

Ein Jahr lang befand sich das atlantische Bündnis im Zustand eines Tausendfüßlers, der vor lauter angestrengtem Nachdenken darüber, welchen Fuß er zuerst voransetzen soll, völlig bewegungsunfähig geworden ist: ein typischer Fall von Paralyse durch Analyse.

Abermals Prüfstein Berlin

Es war sicherlich unangebracht, daß die Bundesregierung vor einem Jahr, mitten in diffizilen Verhandlungen mit den Sowjets über Berlins rechtliche Vertretung durch Bonn, auf den Plan verfiel, in Westberlin ein Bundesamt für Umweltschutz einzurichten.

Schwieriger Test

Bundespräsident Heinemann hat das Gesetz zur Reform des Paragraphen 218 unterschrieben; es könnte also in Kraft treten. Die Auseinandersetzung um die Reform des Abtreibungsparagraphen ist damit freilich noch nicht zu Ende.

Präzedenzfall?

Die Bundesregierung hat für die Freilassung des deutschen Arztes Christoph Stäwen zwei Millionen Mark an die Rebellen im Tschad bezahlt.

Die italienische Krankheit droht

Italienische Regierungskrisen – das Publikum findet sie seit Jahren zum Gähnen langweilig. Die gegenwärtige Krise jedoch ist anders.

Worte der Woche

"Während Franz Joseph Strauß mittlerweile in allen entscheidenden Fragen die Richtlinien der bayerischen Politik bestimmt und beherrscht, blieben dem politisch eigentlich verantwortlichen Ministerpräsidenten nur noch die Richtlinien der Programme, Empfänge und Schirmherrschaften übrig.

SPD-Konferenz an der Basis: Willy Brandt, das Herzblatt der Partei

Gedacht war der Ablauf so: herzlicher Beifall, der große Vorsitzende hält eine einstündige Rede, lang anhaltender Beifall, ein um Fassung ringender Ortsvereinsvorsitzender ergreift das Wort und sagt: Genossen, wir wollen das nicht zerreden; Bundesgeschäftsführer Holger Börner spricht das Schlußwort, Ende der ersten "Arbeitskonferenz SPD ’74" im Bürgerhaus der Braunkohlenstadt Borken, Schwalm-Eder-Kreis, SPD-Bezirk Hessen-Nord.

Zeitspiegel

Die Fußball-Weltmeisterschaft gefährdet auch den Terminplan des Bundestages. So konnte der Berichterstatter der CDU/CSU im Innenausschuß für das Hochschulrahmengesetz, Günter Volmer, an einer Ausschußsitzung nicht teilnehmen, weil er – laut SPD-Fraktionsgeschäftsführer Wienand – "an einem Weltmeisterschaftsspiel repräsentativ als Zuschauer teilnehmen muß".

Deutsch-deutsches Soll und Haben

Michael Kohl und Günter Gaus haben immerhin einiges gemeinsam: Beide sind in dieser Woche als Leiter der Ständigen Vertretungen akkreditiert worden, und beide finden ihre Büros noch im Zustand des Provisoriums vor.

Das römische Krisenkarussell: Rote Zahlen – rote Hoffnungen?

Dauert es drei Monate oder nur noch vier Wochen, bis Italien buchstäblich pleite ist? Die Experten mögen sich darüber ihre Computer zerbrechen; gewiß ist, daß selbst die Verpfändung der Goldreserven an europäische Partner dem Lande höchstens eine knapp verlängerte Gnadenfrist verschaffen kann.

Wolfgang Ebert: Besuch aus USA

Als Gulugalu, der Premierminister des afrikanischen Zwergstaates Zungali, zu seinem Staatschef Busambu II. kam, hielt er ein Papier in den Händen.

Verschüchterte Fußtruppe

Frankreichs meistumworbener Politiker im Wartestand heißt Michel Jobert. Seit Pompidous Außenminister sich Gedanken über eine neue Bewegung der linken Mitte macht, zeigen Kommunisten wie Gaullisten plötzlich Interesse an dem Mann, für den in Giscards Regierung kein Platz war.

Kissingers Klempner?

Der dramatische Auftritt von Salzburg hat dem Ansehen des amerikanischen Außenministers schweren Schaden zugefügt. Kissinger gilt in Amerika nicht mehr uneingeschränkt als der unerschütterlich selbstbewußte Genius der weltpolitischen Bühne, als unantastbare Persönlichkeit, der jedermann seinen Tribut zu zollen bereit war.

Ein Land für ein Volk?

Theodor Herzl, der Vater des Zionismus, trieb um die Jahrhundertwende die Juden an, einen eigenen Staat zu gründen: "Wenn ihr nur wollt, ist es kein Märchen.

Afrikaner in der Sackgasse

Mehr als zwölf Stunden brauchten die in der somalischen Hauptstadt Mogadischu versammelten 42 afrikanischen Staats- und Regierungschefs, um einen neuen Generalsekretär für die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) zu wählen.

Schützenhilfe für Kissinger

Schützenhilfe erhielt Henry Kissinger am Wochenende in der Telephon-Abhöraffäre, in die er wegen einer angeblichen Falschaussage verwickelt ist.

Nato einig über atlantische Deklaration

Schon in der Eröffnungssitzung der zweitägigen Ministerratstagung der 15 Nato-Staaten in Ottawa wurde überraschend Einigung über die umstrittene Grundsatzdeklaration der Allianz erzielt.

Erfolg Nixons in Nahost

Die Nahostreise des amerikanischen Präsidenten Nixon hat die aktive Neutralitätspolitik der Vereinigten Staaten in dieser Region verstärkt und abgestützt.

Militärputsch in Nordjemen

Ein 31 jähriger Oberst, Ibrahim al-Hamedi, hat in der Arabischen Republik Jemen (Nordjemen) die Macht an sich gerissen. Ein siebenköpfiger Kommandorat unter seiner Führung setzte die Verfassung außer Kraft, löste das Parlament auf und verbot die einzige politische Partei.

Fristenlösung: Gesetz unterzeichnet

Bundespräsident Heinemann hat am Dienstag das Gesetz zur Reform des Abtreibungsparagraphen 218 unterschrieben. Zugleich kündigte der baden-württembergische Ministerpräsident Filbinger an, daß die Union eine einstweilige Anordnung beantragen wolle.

London: Bombe im Parlament

Englands traditionsreichstes Gebäude, das Parlament, war am Montag morgen Ziel eines Bombenanschlages, der der nordirischen Terrororganisation IRA zugeschrieben wird.

Tschad weist alle Deutschen aus

Die Republik Tschad hat die diplomatischen Beziehungen zur Bundesrepublik abgebrochen und alle Bundesbürger ausgewiesen, nachdem einheimische Rebellen über die Deutsche Welle zum Sturz der Regierung aufrufen durften.

Abfallbeseitigung: Statt Grün-Gürtel ein Müll-Monaco?

Grün für den Pinkel im Süden – Müll für den Kumpel im Norden". Die Bürgerinitiative Dortmund-Nord-Ost, zu der sich die Stadtteile Derne, Hostedde, Grevel, Lanstrop und Neu-Scharnhorst zusammengeschlossen haben, scheut nicht vor harten Worten zurück, um die Pläne der Stadt zu durchkreuzen, die auf die letzte Grünfläche im Nordosten die größte Mülldeponie des Ruhrgebiets setzen will.

Städtebau: Hinter-Höfliche ldylle

Schwabings Hinterhöfe werden bald auch nicht mehr das sein, was sie früher einmal waren. Diese Wandlung allerdings ist willkommen: Denn der Münchner Architekt Hermann Grub (33) plant, was in der Bundesrepublik ohne Vorbild ist: Stadtoasen inmitten von Häuserblocks, mit Grill und Gärten statt Gerümpel und einer malerischen Landschaft statt Müll – eine Idylle auf dem Hinterhof.

Abgeglitten an der fugenlosen Wand

In manchem liest sich dieses Buch als Korrektur an Isaac Deutschers berühmter Trilogie über den "Propheten", wobei die unmittelbare Auseinandersetzung mit jenem Werk, das Carmichael einst im Encounter veröffentlicht hat, vielleicht mehr überzeugte als jenes Buch.

Kaltes Morgengrauen

Eine Vollsitzung der sowjetischen und amerikanischen Abordnungen bei den sogenannten Salt-Verhandlungen in Wien. Gerald, Smith, damals Delegationsleiter, legt den aufmerksam lauschenden Russen Tabellen und Graphiken vor, in denen Zahl und Größe amerikanischer und sowjetischer Interkontinentalraketen und der sie beherbergenden Bunker dargestellt sind.

Triumph des Tempos

Spectaculum mundi – Schauspiel der Welt. Nur einer auf zehntausend Zuschauer sitzt oder steht heute noch im Stadion – 650 Millionen aber, über den ganzen Erdball verteilt, erleben die Eröffnungsfeier und das erste Spiel vor ihren Bildschirmen.

Südamerika am Ende?: Huldigung der Heroen

Ein grandioses, spannendes, begeisterndes Schauspiel" – das Urteil von Radio Vatikan über die Fußball-Weltmeisterschaft wird durch die meisten Spiele in den vier verschiedenen Gruppen bestätigt, wurde auch bisher in nicht einem Fall widerlegt.

Die neue Schallplatte

Die Verehrung des Gitarrenvirtuosen Ry Cooder für Vorbilder wie die Blues-Sänger Sleepy John Estes und Blind Willie McTell geht so weit, daß er sich als der eigentliche Autor der Songs selbst dann verleugnet, wenn er durch Arrangement und Instrumentation praktisch völlig originäre Neuinterpretationen schafft und diese in einen zeitgenössischen musikalischen Kontext stellt.

Zeitmosaik

Ich habe nichts übrig für Literaten, die sich aus der Politik stehlen. Es wird sie nicht mehr geben können. Denn die Schriftsteller sind die natürlichen Gegner der Technokraten und der Bürokraten.

Schriftsteller in Kiel: P.E.N. paradox

Wie jedes Jahr trafen sich vorige Woche ein Füntel bis ein Viertel der im P.E.N.-Zentrum Bundesrepublik Deutschland lose verbundenen Poeten, Essayisten und "Novellisten", um ihrer Toten zu gedenken, um (alle zwei Jahre) ihr Präsidium neu zu wählen, um sich ihrem Publikum vorzustellen, privat oder öffentlich ihre Sympathien und Antipathien kundzutun, der oft und gern beschworenen Formel, sie seien alle "Freunde", mit Skepsis zu lauschen und den Kollegen vom Fernsehen eine Gratis-Show zu liefern.

Großstadt-Puppen

Lindner sechs Jahre danach, nach seinem spektakulären documenta-Debüt, das eine glanzvolle und späte Karriere einleitete, trostreiches Modell für die vielen Künstler, die ein Leben lang darauf warten, entdeckt zu werden.

Filmtips

"The Girl Can’t Help It" von Frank Tashlin. Wenn Jayne Mansfield mit dem Busen wackelt, platzen dem Milchmann die Flaschen, wenn Fats Domino, Little Richard oder The Platters auftreten, freuen sich die Rock-Fans.

Kunstkalender

Die erste Gedächtnisausstellung für Karl Kunz, 70 Bilder aus den Jahren 1946 bis 1970, das Werk eines Außenseiters, der sich in dieser Rolle wohl fühlte, weil sie ihm totale Unabhängigkeit garantierte, der sich in Dantes Inferno besser zurechtfand als in der bundesrepublikanischen Realität.

Stadt unter der Asche

Ohne Zweifel nicht nur eines der schönsten Bücher über das antike Kreta und die dort ausgegrabenen Schätze, sondern zugleich das Werk eines weltberühmten Experten der Minoischen Kultur, das sich nicht zuletzt durch Sorgfalt und Akribie auszeichnet: Spyridon Marinatos "Kreta, Thera und das mykenische Hellas" (Hirmer Verlag, München, 1973; 184 S.

Kritik in Kürze

"Das Leben im Barock – Zeugnisse und Berichte 1640 bis 1740", von Peter Lahnstein. Er wolle sich als "ernsthafter Dilettant verstanden wissen", so hatte Peter Lahnstein im Nachwort des wunderschönen Text- und Bildbands "Bürger und Poet – Dichter aus Schwaben als Menschen ihrer Zeit" geschrieben.

Auf der Suche nach dem Roman

Ein Maler namens Lefeu rede Feuermann, der hin und her erwog, hin und wieder verwarf, inwieweit seine Verfalls-Verfallenheit psycho-physische Vitalitätsschwäche sei oder das Ergebnis kindheitlicher Fehlentwicklungen oder, ganz andererseits, die Expression eines kulturellen, dumpf vorhandenen, noch nicht artikulierten Massen-Überdrusses an der Ausdehnung menschlicher Eroberungssucht in die Natur hinein, wurde jählings, beim Anblick der Flammen der Naturgaswerke des Komplexes von Lacq, blitzartig bis ins Mark hinein getroffen von der Gewißheit, daß er sein Überstehen nicht überstehen konnte, nachdem alles, was seines Namens und seiner Art war, samt ganz vergessener Völker Müdigkeiten, in den Feueröfen eines deutsch gewordenen Ostens als Rauch in die Lüfte stieg.

Blaue Flecken

nähert sich jenem Gedichttyp des "taste and see", den Walter Höllerer bereits 1964 proklamierte, der aber erst in den letzten Jahren bei uns akut wurde.

Der Prophet als Praktiker

alldor Laxness, in seinen großen Romanen "Weltlicht" (1940), "Islandglocke" (1943 bis 1946), "Das Fischkonzert" (1957) ein Meister realistischer Stoffgestaltung, zuletzt, im "Wiedergefundenen Paradies" (1961), ein grimmiger Satiriker, erprobt diesmal eine Erzählform, die Rede und Gegenrede an die Stelle von Handlung setzt, im Berichten selbst ihre Handlung hat, denn: "Eine Geschichte ist eine Tatsache für sich.

Kleiner Lichtblick

Der Regisseur stößt sich an "holprigen Dialogen" und einer "tongemeißelten Glaubenskraft", daran, daß "Singspiel, Musikdrama und Oratorium dilettantisch miteinander verzahnt" seien und an einem "travestitischen Qui pro quo" am Anfang.

Fernsehen: Nichts als Klischees

In der Schweiz, dem Land mit den schönen Matten und trotzigen Bergen, wird viel gejodelt. Die Sowjetunion, mit ihrer breiten Wolga und ihren unendlichen Ebenen, ist reich an Kunstschätzen.

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