Die Republik Tschad hat die diplomatischen Beziehungen zur Bundesrepublik abgebrochen und alle Bundesbürger ausgewiesen, nachdem einheimische Rebellen über die Deutsche Welle zum Sturz der Regierung aufrufen durften. Der Kölner Sender hatte diesen Appell zur „Selbstbefreiung“ des Volkes auf Wunsch der Bundesregierung in französischer und arabischer Sprache ausgestrahlt. Diese Sendung und die Zahlung von 2,2 Millionen Mark hatten die Aufständischen für die Freilassung des entführten deutschen Arztes Christoph Staewen verlangt. Nach Erfüllung beider Forderungen wurde Staewen entlassen. Seine Frau ist an den Verletzungen gestorben, die sie bei der Gefangennahme am 20. April erlitten hatte.

„Problematisch war die Sache natürlich“, räumte Regierungssprecher Bölling vor der Presse ein. Der Sprecher des Auswärtigen Amtes, von Pachelbel, konnte sich nicht erinnern, daß es für die Übertragung von Rebellenaufrufen durch eine deutsche Rundfunkstation Präzedenzfälle gibt. Der Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Eppler, rechtfertigte die Handlungsweise: „Wenn das Leben eines deutschen Bürgers in Gefahr ist, werden wir auch künftig deutsche Sender um ihre Mithilfe bitten.“

In der afrikanischen Republik lebten rund 40 Deutsche, die Hälfte von ihnen Entwicklungshelfer. Mit ihrer Ausweisung verliert Tschad auch weitere deutsche Hilfe, da sie nach Epplers Worten an diplomatische Beziehungen gebunden ist. Gerade Tschad – fünfmal größer als die Bundesrepublik, mit nur dreieinhalb Millionen Einwohnern – gehört zu den ärmsten Ländern Afrikas und ist durch die jahrelange Dürre in der Sahel-Zone zusätzlich schwer getroffen. Seit 1959 hat Bonn 28,2 Millionen Mark Kapitalhilfe und 22,7 Millionen an technischer Hilfe investiert.

Staewen arbeitete seit 1970 im Norden des Landes; er hatte dort einen französischen Militärverbandsplatz zu einem Hospital ausgebaut. Sein Verhältnis zu den Rebellen war gut, da er auch ihre Verwundeten gelegentlich behandelte. Das Motiv für die Gefangennahme ist daher rätselhaft.

Die inneren Schwierigkeiten des Landes ähneln denen des benachbarten Sudan. Zwei feindliche, ethnisch verschiedene Bevölkerungsgruppen kämpfen um Einfluß und Repräsentation: Araber im Norden und Negerstämme im Süden. Im Sudan herrschen die Araber; im Tschad ist es umgekehrt.

Während im Sudan eine Befriedung gelang, ist der Tschad-Präsident Tombalbaye, ein 56jähriger evangelischer Christ, seit der Unabhängigkeit seines Landes 1960 nicht zur Ruhe gekommen. 1968 mußte er sogar französische Truppen um Hilfe gegen die arabischen, von Libyen unterstützten Rebellen bitten. Sie stellten in weiten, für die Zentralregierung verlorengegangenen Landstrichen die Staatsgewalt wieder her. Aber im Norden ist Tombalbayes Autorität auch heute noch geringer als die des libyschen Staatspräsidenten Oberst Ghaddafi.