Von Ronald Granz

Erneut starben in den Vereinigten Staaten zwei Arbeiter der Kunstoffindustrie am Angiosarkom der Leber, einem sehr seltenen, unausweichlich tödlichen Krebs. Die beiden Todesfälle, die vor wenigen Tagen vom Gesundheitsministerium in Connecticut bekanntgegeben wurden, sind von besonderer Tragweite. Denn erstmals handelt es sich dabei nicht wie in der Vergangenheit um Beschäftigte, die bei der Arbeit mit Vinylchlorid an Krebs erkrankten und starben, sondern um Arbeiter, in deren Fabrik Polyvinylchlorid (PVC), einer der gebräuchlichsten Kunststoffe, zu vielfältigen Gegenständen des täglichen Bedarfs weiter verarbeitet werden.

"Das ist eine der aufsehenerregendsten Entdeckungen, die jemals in der Arbeitsmedizin gemacht wurden", sagt William Lloyd, Direktor der Abteilung Gesundheitsüberwachung des National Institute for Occupational Safety and Health (NIOSH).

Seit Januar dieses Jahres sind allein in den USA dreizehn Arbeiter an diesem Leberkrebs gestorben, nachdem sie jahrelang in ihren Werken entweder bei der Umwandlung von gasförmigem Vinylchlorid in die pudrige Substanz Polyvinylchlorid, bei der Abfüllung des Stoffes oder bei Reinigungsarbeiten an Behältern den Dämpfen von Vinylchlorid ausgesetzt waren. Die Männer arbeiteten jahrelang ohne Gesundheitsbeschwerden an ihrer Arbeitsstelle. Die Erkrankung wurde erst nach ihrem Tode festgestellt. Arbeitsmediziner in anderen Ländern, darunter Schweden und Großbritannien, meldeten ähnliche Fälle: Insgesamt neunzehn solcher Befunde sind in den letzten 5 Monaten in der Welt registriert worden.

Als der Zusammenhang zwischen Vinylchlorid und der Bildung des Krebses offensichtlich wurde, wußten die Mediziner angesichts von 6500 Chemiearbeitern, deren Gesundheit in den USA direkt durch ihre Arbeit mit diesem Stoff bedroht ist, daß sie eine gefährliche neue Berufskrankheit entdeckt hatten.

Doch nach den jetzt vorliegenden Todesfällen besteht die Befürchtung, daß die Gefahr, durch Vinylchlorid an dem Leberkrebs zu erkranken, viel weiter verbreitet sein könnte. Denn jetzt scheinen auch alle Arbeiter in den Werken bedroht, die aus PVC so weithin gebräuchliche Gegenstände wie Fußbodenbeläge, Vorhänge, Behälter oder Schallplatten herstellen: Allein in den Vereinigten Staaten sind Hunderttausende in der kunststoffverarbeitenden Industrie davon betroffen.

Bei dem ersten der beiden Krebsfälle, die in Connecticut vor etwa zwei Wochen entdeckt wurden, handelt es sich um einen 60jährigen Arbeiter von General Electric, der 60jährigen in der Kabel-Fabrik in Bridgeport bedient hatte, der unter anderen Kunststoffen auch Polyvinylchlorid verarbeitet. Der zweite war Rechnungschlorid in einer Fabrik ebenfalls in Connecticut, die PVC-Überzüge für etliche Gegenstände herstellt. Bei ihm wird gegenwärtig noch untersucht, ob er zeitweilig auch in der Produktion gearbeitet hat.