Von Gerhard Prause

Ein ausgesprochen schlechter Schüler war Winston Churchill. Vor allem Latein mochte er nicht. Und ebensowenig Sport. Gegen Laein, schrieb er einmal, habe er „ein angeborenes Vorurteil“ gehabt, „das ihm den Verstand verriegelte“. Die eigentliche Ursache für sein Versagen in Latein hing mit der Aufnahme in St. James zusammen, einem der teuersten und feinden Internate Englands. Als seine Mutter, die ihn dorthin gebracht hatte, fortging und „das letzte Geräusch der Räder, die sie davonführten, verklungen war“, brachte ihn der Direktor zu seinem Klassenlehrer. Der sagte:

„Latein hast du bisher noch nicht gehabt, nicht wahr?“ Er gab dem Sechsjährigen eine lateinische Grammatik und forderte ihn auf, innerhalb der nächsten halben Stunde die Deklinationsformen von mensa, der Tisch, auswendig zu lernen. Nach einer halben Stunde kam der Lehrer wieder und ließ ihn das Gelernte aufsagen.

„Ich schnurrte meine Lektion herunter. Er schien sehr zufrieden, und das gab mir den Mut zu einer Frage: ‚Was bedeutet denn das eigentlich, Sir?‘ – ‚Das, was da steht. Mensa, der Tisch. Mensa ist ein Hauptwort der ersten Deklination. Fünf Deklinationen gibt es. Du hast den Singular der ersten Deklination gelernt.‘ – ‚Aber‘, wiederholte ich, ‚was bedeutet es denn?‘ – ‚Mensa bedeutet der Tisch‘, war die Antwort. – ‚Warum bedeutet dann aber mensa auch: o Tisch‘, forschte ich weiter, ,und was heißt das: o Tisch?‘ – ‚Mensa, o Tisch, ist der Vokativ.‘ – ‚Aber wieso: o Tisch?‘ Meine angeborene Neugierde ließ mir keine Ruhe. – ‚O Tisch – das wird gebraucht, wenn man sich an einen Tisch wendet oder ihn anruft.‘ Und da er merkte, daß ich ihm nicht folgen konnte: ‚Du gebrauchst es eben, wenn du mit einem Tisch sprichst.‘ – „Aber das tu’ ich doch nie‘, fuhr es mir in ehrlichem Erstaunen heraus. – ‚Wenn du hier frech bist, wirst du bestraft werden, und zwar ganz gehörig, das kann ich dir versichern‘, lautete seine endgültige Antwort.“

Das war Churchills verhängnisvoller Anfang in der Schule. Und Churchill wurde zum ewigen Sitzenbleiber. Die Schule, alle Schulen, die er besuchte, wurden für ihn zur Hölle ...

*

Nicht immer sind es nur die Lehrer und die harte Schulordnung, die Haß und Verzweiflung auslösen oder auch nur Unbehagen schaffen. Bei André Gide, dem einzigen Kind eines Professors der Rechtswissenschaft, waren es die Mitschüler. Gide war als Kind von zarter Gesundheit, worauf seine Eltern stets Rücksicht nahmen. Und so begann – wie er später selbst sagte – schon früh „jenes unregelmäßige, eines festen Plans entbehrende Leben, jene zerrissene Erziehungsweise“, an der er selbst „bald nur allzuviel Geschmack finden sollte“.