Von Hans Schueler

Walter Scheel, der als neuer Bundespräsident in die Villa Hammerschmidt eingezogen ist, muß nicht, wie sein Vorgänger Gustav Heinemann, befürchten, daß ihn übertriebene Hoffnungen und Ängste begleiten. Die Präsidentenwahl von 1974 war eine Wachablösung; sie signalisierte nicht, wie die von 1969, einen Machtwechsel, der sich im Zentrum der Staatsgewalt anbahnte und für die der erste sozialdemokratische Bundespräsident zunächst nur die Symbolfigur abgab. So gesehen, kann Walter Scheel bei Theodor Heuss anknüpfen: Sein Profil, sein Stil und seine Persönlichkeit werden vom ersten Tage an das Amt prägen; nichts lenkt da mehr ab.

Im Grunde war jeder der bisherigen Bundespräsidenten zugleich Repräsentant und personifizierter Ausdruck des Zeitabschnittes im politischen Leben der jungen Republik, während dessen er an ihrer Spitze stand. Heuss, einer der Geburtshelfer unserer Verfassung, mußte es hinnehmen, daß seine ohnehin knapp bemessenen politischen Kompetenzen unter der Kanzlerschaft Adenauers noch mehr beschnitten wurden, als das Grundgesetz es vorsah. Aber er gab dem Lande sein geistiges Gesicht wieder, er machte vor aller Welt deutlich, daß in Deutschland die Traditionen des Humanismus und der bürgerlichen Liberalität vom Obrigkeitsstaat und der Hitlerdiktatur nicht ganz zerstört worden waren.

Der biedere Heinrich Lübke, Präsident nach Adenauers skandalösem Rückzug von der eigenen Kandidatur, dann noch einmal im Zeichen der zu Ende gehenden Kanzlerdemokratie und während der Großen Koalition, hatte wohl die schwerste Rolle als Staatsoberhaupt. Er begleitete den Abschluß einer Ära, sah sich persönlich angefochten und erlebte noch die Studentenrevolte von 1968, ohne den Wandel, der sich darin ankündigte, recht verstehen zu können.

Gustav Heinemann verdankte seine Wahl ins Präsidentenamt zu einem guten Teil dem jetzigen Nachfolger. Heinemann war kein bequemer Präsident. Intolerant aber war er nur gegenüber sich selbst und gegenüber der Unwahrhaftigkeit: "Hundert Jahre Deutsches Reich", hat er bald nach seinem Amtsantritt zum Jahrhunderttag der Reichsgründung 1971 gesagt, "dies heißt eben nicht einmal Versailles, sondern zweimal Versailles, 1871 und 1919, und dies heißt auch Auschwitz und Stalingrad und bedingungslose Kapitulation 1945."

Die geteilte Nation mochte manchmal geneigt sein, ihre Augen abzuwenden in milderes Zwielicht, wo Schuld und Schicksal, Fügung und Zufall konturenlos ineinander übergehen. Doch der Bürgerpräsident hat ihr heimgeleuchtet in die eigene Vergangenheit, und die Deutschen in der Bundesrepublik scheinen ihn verstanden zu haben: Viele von denen, die Heinemann 1969 nicht wollten, sahen ihn jetzt nur ungern aus dem Amt scheiden.

Der neue Bundespräsident darf die von seinem Vorgänger ausgesprochene Zuversicht als Gewißheit buchen: Daß die Demokratie nun endlich tiefe Wurzeln in unserem Volk schlägt. Walter Scheel personifiziert im Präsidentenamt diese Selbstverständlichkeit.

Genau besehen, hat Scheel in seiner Antrittsrede nicht viel von dem zurückgenommen, was er zu Jahresbeginn in einem Zeitungsaufsatz über "Theodor Heuss und sein Amt" schrieb und womit er sein eigenes Programm für die Präsidentschaft bis zum Ende des Jahrzehnts niederlegte: Ein politischer Präsident will er sein, in Deutschland und in Europa. Der erste Außenminister einer deutschen Republik, der in das höchste Staatsamt gelangt ist, mag damit die Möglichkeiten seines Wirkens ein wenig überschätzen. Die Frage, ob die verfassungsmäßige Außenvertretung des Bundes durch seine Präsidenten wirklich immer ausgeschöpft war, klingt inzwischen vielleicht auch für Walter Scheel anachronistisch. Aber die Probleme Europas, die ungelösten Fragen der zukünftigen Partnerschaft von Kapital und Arbeit in der westlichen Welt, Patriotismus und Weltbürgerschaft – dies alles sind heute letztlich Themen einer aufs Globale erweiterten Innenpolitik. Sie bietet den demokratischen Staatsoberhäuptern eine Führungsrolle an, die sie nur wahrzunehmen brauchen und die ihnen niemand streitig macht, auch wenn sie in den nationalen Verfassungen nicht ausgesprochen ist.