Von Gunter Schweikhart

An Flußmündungen ist sehr häufig eine glückliche Verbindung von Landschaft und städtebaulicher Gestaltung entstanden. Das entdeckt man heute noch in Koblenz und Passau. Bis vor kurzem gehörte auch Wertheim an Main und Tauber dazu. Doch Verkehrsplaner sind dort dabei, den kostbaren landschaftlichen Reiz, der so großartig mit Lage und Bebauung dieser Stadt harmonierte, Stück für Stück zu zerstören

Erst baute man eine gewaltige Straße, die die Tauber genau über der Mündung überbrückt und die einzigartige Verbindung von Landschaft und Stadt zerstört. Jetzt beabsichtigt man am anderen Ende von Wertheim einen Eingriff in die Substanz der alten Stadt, der noch drastischer das historisch gewachsene Stadtgefüge zerstören wird: Die städtischen Planer wollen eine Straßenschneise mitten durch das alte, guterhaltene Mühlenviertel schlagen. Dadurch glauben sie eine Entlastung der engen Stadtkerndurchfahrt zu erreichen.

Nahezu ein Drittel der Altstadt wäre von diesem Vorhaben betroffen, denn die neue Straße kann sich an keinen alten Straßenverlauf anschließen. Zahlreiche ehrwürdige Häuser, darunter eingetragene Kulturdenkmäler, müßten abgerissen werden. Die neue Trasse würde das Mühlenviertel von der Altstadt abschneiden und so ein ruhiges innerstädtisches Viertel unwohnlich machen.

Eine Entlastung der Stadtdurchfahrt, darüber sind sich nahezu alle einig, ist dringend nötig. Denn noch immer quält sich der lärmende, luftverpestende Verkehr aus dem Taubertal durch die winkligen Gassen und über den Marktplatz. Die geographische Lage der Stadt läßt nicht viele Möglichkeiten für eine Entlastungsstraße zu; das Tal ist eng, und zudem verhindert die dichte Bebauung der umliegenden Hügel eine stadtnahe Umgehungsstraße.

Gleichwohl müßte die Aufgabe, den Altstadtbezirk in jedem Fall zu erhalten, oberstes Gebot aller Verkehrsplanung sein. Denn gerade eine Kleinstadt wie Wertheim kann keine "autogerechte Stadt" werden, ohne ihren Charakter grundlegend zu verändern.

Für jeden, der die Altstadt betritt, sind die Überschaubarkeit und die Geschlossenheit bei aller Vielfalt, kurz, der urbane Charakter faszinierend. Wo alle Lebensbereiche wie im alten Wertheim in einem Stadtkern noch verbunden sind, ist eine Identität der Bewohner mit ihrer Stadt möglich. Und längst weiß man, daß es gerade die historisch gewordene Gestalt ist, die diesen urbanen Charakter bewirkt. Der Verkehr droht die Städte der Verödung preiszugeben, aber die Verkehrsplanung selbst erweist sich als der stärkste Faktor für die Stadtzerstörung.