Von Rudolf Herlt

Iwan D. Herstatt, der persönlich haftende Gesellschafter der früheren Herstatt-Bank, will den Vorwurf nicht länger aufrecht erhalten, daß die Großbanken die Herstatt-Bank im Stich gelassen hätten. Den Vorwurf hatte er zum Kummer der privaten Banken bei einem Fernsehauftritt erhoben. Inzwischen weiß er es aber besser. "Ich habe mich noch einmal genauestens erkundigt", erklärte er, "und konnte mich vergewissern, daß sich die Großbanken bei den Verhandlungen mit dem Großaktionär erheblich bemüht haben, zur Sanierung beizutragen. Sie haben alles getan, der Bank beizustehen."

Der ehemalige Kölner Bankier braucht immer ein bißchen länger als andere, die wahren Sachverhalte zu erkennen. Noch am letzten Wochenende, als der Staatsanwalt schon gegen ihn und leitende Angestellte seiner Bank wegen Untreue, Betrugs und Konkursverbrechens ermittelte, fand er es "unverständlich, wie solche Verluste entstehen konnten".

"Solche Verluste" – das waren 470 Millionen Mark, die bei Devisentermingeschäften verspielt wurden. Was in der Bank geschah, schien an Herstatt vorübergegangen zu sein. "Bis zum 10. Juni", so schildert er seinen Zustand der Unschuld, "war auch für mich die Welt noch in Ordnung."

Für die Kontrollorgane hingegen war die Welt bei Herstatt schon im Februar dieses Jahres nicht mehr in Ordnung. Präsident Günter Dürre vom Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen hat den Inhalt eines Briefes, den die anderen Kreditinstitute erst am 6. Mai erfuhren, der Herstatt-Bank schon im Februar mitgeteilt. In dem Brief hieß es, Geschäftsleiter von Banken, die durch spekulative Devisengeschäfte die Gelder von Gläubigern gefährden, hätten persönliche Konsequenzen zu erwarten, was in der unterkühlten Sprache der Bankwelt heißt, daß ihnen die Bankenaufsieht die Erlaubnis zum Führen einer Bank entziehen würde.

Anlaß zu dieser Sonderbehandlung der Herstatt-Bank waren Hinweise aus dem Ausland, die der Bundesbank zugegangen wareh. Ohne Namen zu nennen, hatte Bundesbankpräsident Karl Klasen in seiner Ansprache auf dem Deutschen Bankentag am 11. März auf die Gefahr hingewiesen, in der sich einige deutsche Privatbanken wegen der hohen Risiken im Devisengeschäft befanden. In der City von London hielt man Herstatt nicht mehr für eine erste Adresse. Man verkehrte nur noch über Dritte mit der Kölner Bank. Für Iwan D. Herstatt aber war die Welt noch in Ordnung.

Im März segnete Wirtschaftsprüfer Karoli den Abschluß der Bank für 1973 zwar mit vollem Testat ab, schickte aber an die Verantwortlichen der Bank die Warnung, sie sollten darauf achten, daß der Umfang der Devisentermingeschäfte nicht zu groß werde.