München

Mit Mistgabeln, Traktorumzügen und Gerichtsverfahren wollen Bauern, Tierfreunde und Naturschützer im süddeutschen Donauried verhindern, was den Experten als ideales Massenfahrzeug der Zukunft vorschwebt. In einem in Bayern entwickelten Hochleistungs-Schnellzug sollen im Jahre 1985 die Hamburger in nur zwei Stunden nach München rasen können: als Fahrgäste einer Magnet-Schwebebahn, die – abgasfrei und geräuscharm – über eine Hochtrasse durch Deutschland dahinfliegt.

Auf einer 75 km langen brillenförmigen Teststrecke wollen die Erfinder diesen "Zug der Zukunft" im Donauried prüfen. Spätestens im kommenden Jahr müßte mit dem Bau dieser Testtrasse (Kostenpunkt: etwa 400 Millionen Mark) begonnen werden, wenn die Magnetbahn 1977 – gemäß den Wünschen der Bonner Verkehrsfachleute – in Betrieb genommen werden soll. Die Schwaben im Donauried, das wegen seiner geringen Besiedlungsdichte als ideales Testgelände vor Jahren ausgewählt worden war, sind aber fest entschlossen, dem Bund diese Ausgabe zu ersparen. Proteste, Eingaben, Fragen, Beschwerden und Forderungen nach immer gründlicheren Gutachten verzögerten das Raumordnungsverfahren, dessen Ende bis heute nicht abzusehen ist. Ein notwendiges Planungsfeststellungs-Verfahren steht noch aus.

Und schon formieren sich Grundstücksbesitzer, Anlieger, Tierfreunde, Kommunalpolitiker und Naturschützer, zusammengeschlossen in der "Schutzgemeinschaft Donauried e. V.", zu einer zweiten Protestwelle.

Am 15. Juli, wenn Bayerns Planungs- und Umweltschutzminister Streibl auf einer Goodwilltour für die kommenden Landtagswahlen in einem Bierzelt im Donaurieder Holzheim bei Dillingen auftritt, wollen ihn die örtlichen Bauern mit einer Traktor-Sternfahrt einkreisen und zum Verzicht auf das "vermaledeite Prestigeobjekt" zwingen. "Uns reichen drei Verkehrssysteme: die Autobahn, die Eisenbahn und die Flughäfen; für ein viertes, eine magnetische Wunderwaffe, ist die Bundesrepublik zu klein", argumentiert Helmut Steininger, Landesgeschäftsführer des Naturschutzbundes, der die Boykottstrategie gegen die Magnet-Schwebebahn seit langem anführt. "So was kann man in den riesigen Weiten Rußlands oder Amerikas gebrauchen, aber nicht in unseren nationalen Grenzen..."

Die aufgeregte Abneigung der Bewohner im auserwählten Testgebiet wird von der dumpfen Angst genährt, daß "solch ein unheimliches Ungeheuer" wie eine Rakete aus seiner Trasse fliegen und die umliegenden Häuser zertrümmern könnte. Auch die Sorge um die heimische Tier- und Pflanzenwelt spielt bei der Abwehr mit. So prophezeite der Tierschutzverein bereits, bei 500 Kilometern pro Stunde werde das Gefährt die letzten seltenen Vogelarten im Ried – wie Sumpfohreulen, Weihen und Schwarze Melane – ausrotten. Warum – so fragt die Schutzgemeinschaft vorwurfsvoll – "kann man eigentlich ein solches Science-fiction-Projekt nicht in menschenleeren Gegenden wie beispielsweise in der Sahara testen? Die Atommächte prüfen ihre Bomben ja auch nicht im eigenen Land."

Die Angst der Schwaben vor der "Bombe" hat Bonn inzwischen zu Überlegungen bewogen, wohin die Testserie ausweichen könnte. Schließlich wolle man keinem Land sein Glück aufzwingen, formulierte der zuständige Regierungsbaudirektor Krämer vom Bundesverkehrsministerium mit einem diskreten Hinweis auf die zwei Dutzend Gebiete, die zu Beginn der Teststrecken-Suche zur Diskussion standen. Neben dem Donauried waren damals auch einige dünn besiedelte Terrains in Niedersachsen in die engere Auswahl gelangt. Und dieses Bundesland zeige sich, so heißt es, überraschend interessiert. "Offensichtlich weiß man dort, daß eine Investition von 400 Millionen Mark auch an den Bewohnern des auserwählten Gebietes nicht spurlos vorübergeht", deutete die Bundesbahn vorsichtig an ...

Brigitte Zander