Der 77. Deutsche Ärztetag hat gezeigt: Auch in den eigenen Reihen wächst die Opposition

Unser Schiff schwimmt auf bewegter See und wird von Böen aus verschiedenen Richtungen geschüttelt." Mit diesem allzu idyllischen Bild umschrieb vor zwei Jahren in Westerland auf dem 75. Deutschen Ärztetag der damalige Präsident der Bundesärztekammer, Professor Dr. Ernst Fromm, die Situation. Angesichts der Wind ankündigenden Spiegel-Serie vom "Geschäft mit der Krankheit" hatte der Präsident sich eilends mit Öl eingedeckt – er gab sich reformfreundlich und versprach "die optimale Betreuung der Patienten" –, so daß er die Wogen noch einmal glätten konnte. Doch schrieben wir damals an dieser Stelle: "Mit ein wenig Öl ist es bald nicht mehr getan."

Der 77. Deutsche Ärztetag, der jetzt in Berlin nur mit Mühe (das heißt unter Polizeischutz!) über die Bühne gezogen werden konnte, hat das bestätigt. Nachdem es Professor Fromm schon vor dem Münchner Treffen (1973) vom Präsidentenstuhl geschüttelt hatte und auch sein Nachfolger, Professor Dr. Hans-Joachim Sewering, die erneut aufgewühlte See nicht beruhigen konnte, ist aus den Westerländer Böen ein Berliner Sturm geworden. Dieser Sturm kommt jedoch nicht mehr von außen, von der "Journaille", wie man noch in Westerland hören konnte, sondern aus den eigenen Reihen, von Ärzten, von Kollegen, die indessen – wie könnte es anders sein – von den Delegierten als "links" bezeichnet werden.

"In der Tat stehen wir links", sagt Dr. Hans Halter von der "Arbeitsgemeinschaft unabhängiger Ärzte Deutschlands", deren Anhänger – wie in unserer vorigen Ausgabe berichtet – auf dem Ärztetag vergeblich versucht hatten, zu Wort zu kommen, dabei jedoch einen von ihnen nicht gewollten Abbruch der Veranstaltung auslösten, und mit deren Kritik an unserem Gesundheitssystem sich die Professoren Alexander Mitscherlich und Horst-Eberhard Richter spontan solidarisch erklärten; "wir stehen links von der Ärztekammer, aber die Kammer steht in ihrer Reformfeindlichkeit noch rechts von der CSU!"

Dem Kuratorium der Arbeitsgemeinschaft gehören an: der Münchner Chefarzt Professor Dr. Herbert Begemann (Präsident des letzten deutschen Internistentages), der Hamburger Psychiater Dr. Klaus Dörner (Privatdozent, Oberarzt und Autor des Buches "Bürger und Irre"), der Berliner Assistenzarzt Dr. Hans Euler (Vorsitzender des Bundes gewerkschaftlicher Ärzte in der ÖTV Berlin), der Landarzt Dr. Paul Lüth aus Rengshausen in Hessen (Autor von "Kritische Medizin" und von dem kürzlich erschienenen Buch "Sprechende und stumme Medizin"), Privatdozent Dr. Frank Matakas (Ärztlicher Direktor des Klinikums Steglitz der FU), Krankenhausarzt Roderich Nehls (Erster Vorsitzender des Berliner Landesverbandes des Marburger Bundes), der Berliner Internist Friedrich-Wilhelm Neubauer (Kassenarzt), der Internist Dr. Armin Opitz (Chefarzt in Bad Dürrheim), Dr. Konrad Schily (Arzt im Gemeinnützigen Krankenhaus Herdecke), der Publizist Joseph Scholmer (Autor von "Die Krankheit der Medizin"), Dr. Joachim Werner (Oberarzt an der Klinik Höhenried der LVA Oberbayern).

Die Arbeitsgemeinschaft der unabhängigen Ärzte ist gegen die bestehende "scharfe Trennung zwischen der medizinischen Versorgung im Krankenhaus und der Praxis"; sie fordert (unter anderem) die Einrichtung medizinisch-technischer Zentren, Bedarfspläne für die ärztliche Versorgung in Landgebieten, das klassenlose Krankenhaus, die Abschaffung des Chefarztsystems:

Noch werden ihre Anhänger von den Standesvertretern als "APO" und "kleine radikale Minderheit" abgetan. Immerhin hat die Arbeitsgemeinschaft erreicht, daß Bundesgesundheitsminister Dr. Katharina Focke sich von ihr ausführlich über ihre Ziele und Vorstellungen unterrichten lassen möchte. Und daß die Arbeitsgemeinschaft mit ihrer Opposition ewig außerparlamentarisch bleiben wird, ist höchst unwahrscheinlich. Schon auf dem nächsten Ärztetag könnte sie offiziell vertreten sein, in jener Organisation also, aus dessen Präsidium zum Ende des Berliner Treffens drei Mitglieder, ausschieden, aus Protest gegen die Reformfeindlichkeit der Mehrheit der Delegierten. Gerhard Prause